“Thunderbolts*” ist der letzte Teil der fünften Phase des MCU und bildet einen versöhnlichen Abschluss nach eher mittelmäßigen Versuchen, dem Publikum ebenso mittelmäßige Narrative als ernsthafte Ergebnisse zu verkaufen. Das Werk funktioniert nicht nur als Produkt des MCU, sondern auch als Film für sich genommen. Seit 1.5. im Kino.

von Richard Potrykus

Im Zentrum der Handlung steht Yelena (Florence Pugh), eine Söldnerin, die sich von Auftrag zu Auftrag hangelt und dabei versucht, die innere Leere zu füllen und/oder zu verdrängen, die sich seit dem Tod ihrer Ziehschwester in ihr ausbreitet. Ihre Auftraggeberin ist dabei stets die CIA-Direktorin Valentina Allegra de Fontaine (Julia Louis-Dreyfus), die sich einem gegen sie gerichteten Untersuchungsausschuss gegenübersieht.

Als Yelena in einen Tresor einbrechen soll, trifft sie auf verschiedene Figuren, unter anderem John Walker (Wyatt Russell) und Ghost (Hannah John-Kamen). Als die Eigenbrötler, die sie sind, beginnen sie umgehend damit, gegeneinander zu kämpfen. Dann jedoch finden sie heraus, Teil eines Komplotts zu sein, und erkennen, dass die Aufträge, wegen denen sie hier sind, nur Täuschung waren und es eigentlich Valentinas Plan ist, sie alle zu töten. Ebenfalls im Tresor befindlich ist Bob (Lewis Pullman), die Hilflosigkeit in Person. Widerwillig arbeiten die Charaktere, die sich noch immer als gegenseitige Bedrohungen verstehen, zusammen, um der tödlichen Falle zu entgehen, in die sie geraten sind.

An dieser Stelle macht „Thunderbolts*“ mehrere Handlungsstränge auf, die teilweise parallel zueinander verlaufen und teilweise gemeinsam erzählt werden, denn neben den genannten Figuren spielen auch der Red Guardian (David Harbour) und Bucky (Sebastian Stan) wesentliche Rollen. Außerdem hält der Film die Einführung einer neuen Figur bereit, den Sentry. Dieser ist ein Über-Superheld, der in den Comics seit dem Jahr 2000 existiert, nicht immer zu den Guten gehört und u.a. in der Reihe der “New Avengers” eine größere Rolle spielt. “Thunderbolts*” adaptiert Elemente der Figur und nutzt sie für die eigene Erzählung, in der die Themen Verlust und Zurückbleiben zentrale Punkte ausmachen.

Und so kommt es, dass in dem Film, der eine Lauflänge von 126 Minuten aufweist, erstaunlich wenig gekämpft und entsprechend viel geredet wird. Einerseits liegt darin eine Notwendigkeit, da sich Yelena und das Team einem Gegner gegenübersehen, dem sie einfach nichts anhaben können, andererseits ist dies die optimale Möglichkeit, die Konflikte aus dem Film zu lösen.

Die Augenblicke des Innehaltens und des Redens sind eine Stärke, die andere MCU-Filme leider vermissen lassen. In “Thunderbolts*” wird sich Zeit genommen, um die emotionale Schwere der Figuren zu ergründen. Es mag auf den ersten Blick hier und da langatmig wirken, doch diese Momente erfordern die Zeit, die ihnen gewidmet wird. Würden sie verkürzt dargestellt, wären sie kaum mehr als Lückenfüller zwischen dann belanglosen Actionsequenzen. In diesem Sinne legt “Thunderbolts*” hier eine Konsequenz an den Tag, die es beispielsweise in “Shang-Chi and the Legends of the Ten Rings“ (2021) nicht gab. Darin wurde ein großer Konflikt zwischen dem Mandarin und seinen Kindern inszeniert, der dann im Angesicht eines Monsters plötzlich ad acta gelegt und zugunsten eines unnötigen CGI-Spektakels nie wieder aufgegriffen wurde.

“Thunderbolts*” geht andere Wege. Die Figuren werden ambivalent gezeichnet, allen voran der Sentry. Die sogenannte Leere, eine ganz konkrete Bedrohung, die mit dem Sentry einhergeht, ist McGuffin und Symbol gleichermaßen und bezieht sich sowohl auf die Figuren, als auch auf die Durststrecke, auf der sich das MCU nach wie vor befindet. “Thunderbolts*” ist damit ein Marvel-Film, wie es sie häufiger geben sollte. Er besitzt seine eigene Identität und hat doch das Potential, in etwas Größeres eingefasst zu werden. Weder ist er ein Abklatsch von DCs “(The) Suicide Squad”, noch biedert er sich bei aller Liebe zum Humor den Erfolgsformeln der “Guardians of the Galaxy” an.

Ob es sich, wie es oft zu lesen ist, bei den Figuren um Antihelden handelt, sei einmal dahingestellt. Nur, weil man nicht von Anfang an als Iron-Man durch die Gegend stiefelt, ist man noch kein Antiheld.
Die Thunderbolts sind waschechte Helden und sie durchlaufen die typischen Heldenreisen. Und doch haben sie alle einen Knacks, der sie sympathisch und nahbar macht. Ihre Sehnsüchte und Ängste wirken real und bieten Projektionsflächen für das Publikum. Obwohl die Thunderbolts allesamt mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sind, steht das “super” in Superheld nicht im Vordergrund und erstaunlicher Weise ist es gerade dieser Aspekt, der den Film innerhalb der MCU-Filmreihe positiv hervorstechen lässt.

Fazit

Der Asterisk hinter Thunderbolts führt auf einigen Plakaten zu einer Fußnote, die folgendes besagt: “The Avengers are not available”. Demnach sind die Thunderbolts ein Lückenfüller für die Leere, die seit “Avengers: Endgame” (2019) besteht. Doch, der Schein trügt. Die Thunderbolts sind kein Notnagel, sondern ein Zeichen der Hoffnung. Auf ihre charmante und beinahe bescheidene Art sind sie die Spritze, die das MCU benötigt hat, um sich aus der selbstverschuldeten Müdigkeit zu befreien und dem Publikum Mut zu machen. Marvel hat noch Potential und obwohl der erste Teaser für “Avengers: Doomsday” (2026) mit allerhand bekannter Namen aufwarten kann und auch die MCU-Ikone Robert Downey Jr. als sichere Bank wieder mit von der Partie sein wird, sind es doch die neuen Helden, die das Rennen für sich entscheiden müssen und aller Voraussicht nach auch werden.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

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Bild: (c)  2024 Disney