Die Norwegerin Renate Reinsve legte seit ihrem Durchbruch in „Der schlechteste Mensch der Welt“ eine steile Karriere hin: Mit der Serien-Adaption von „Aus Mangel an Beweisen“ (unsere Serie des Jahres 2024) und dem großartigen „A Different Man“ machte sie den Schritt nach Hollywood. In „Armand“ ist Reinsve nun wieder in einem norwegischen Thriller-Drama zu sehen. Ab 13.6.2025 in Österreich im Kino, in Deutschland bereits als VOD verfügbar.

Kritik von Christian Klosz

„Armand“: Eine Suche nach Wahrheit und Schuld

Elizabeth (Renate Reinsve), die Mutter von Armand und Sarah (Ellen Dorrit Petersen) und Anders (Endre Hellestveit), die Eltern von Jon, werden vom Direktor in die Grundschule zitiert, die ihre Söhne besuchen: Zwischen den beiden 6-jährigen soll es einen bedenklichen Vorfall gegeben haben. Armand steht im Verdacht, Jon geschlagen zu haben und zudem sexuell übergriffig gewesen zu sein, in der Schule schrillt nicht nur der kaputte Feueralarm, sondern auch alle sprichwörtlichen Alarmglocken.

Entsprechend erregt ist vor allem Sarah, die Elizabeth zudem die Schuld am vermuteten Suizid ihres Bruders gibt, dem ehemaligen Partner Sarahs und Armands verstorbener Vater. Die „zur Hysterie neigende Schauspielerin“ habe ihn in den Tod getrieben, ist Sarah überzeugt. Elizabeth ist wiederum ob der Vorwürfe gegen Armand schockiert, sie kann sich nicht vorstellen, dass ihr Sohn getan hat, was ihm unterstellt wird.

Armand Film

Renate Reinsve gerät in toxische Familiengeschichte(n)

Im Gespräch mit Direktor, Lehrerin und Schulpsychologin wird versucht, zwischen den Eltern zu vermitteln und eine Lösung für die Situation zu finden. Sieht sich zu Beginn vor allem Elizabeth in Erklärungsnot, tun sich im Laufe dieses Nachmittags Fragen und Abgründe auf, Anschuldigungen schwirren wild umher, Vermutungen und Unterstellungen florieren, Konflikte tun sich auf. Um die beiden Jungen geht es bald nur noch am Rande. Die Suche nach der Wahrheit und die Frage nach der Schuld – was ist wirklich passiert, und wer ist dafür verantwortlich? – wird zu einer Konfrontation mit toxischen Beziehungs- und Familiengeschichte(n).

Dem norwegischen Regisseur Halfdan Ullmann Tondel ist mit seinem in Cannes 2024 mit dem Preis für den besten Debütfilm prämierten Werk eine spannende, komplexe und anspruchsvolle filmische Reflexion zu Themen wie Wahrheit, Schuld und elterliche Verantwortung gelungen. „Armand“ wirft Fragen auf, ohne klare Antworten zu geben, porträtiert seine Figuren detailreich und realitätsnah.

Darstellerisch sticht die inzwischen auch in Hollywood angekommene Renate Reinsve hervor, die ihren etwas undurchsichtigen, schwierigen Charakter erstklassig spielt und so trotzdem nahbar macht. Doch auch die übrigen Schauspieler zeigen durchwegs überzeugende Leistungen, wobei man Øystein Røger als mürrischen, erschöpften, aber stets pflichtbewussten Schuldirektor hervorheben muss.

Subtiler Bildsymbolismus

„Armand“ arbeitet auf der Bildebene gekonnt mit subtilen Symbolismen und kann einen hervorragenden Soundtrack vorweisen, der die packende Erzählung unterstützt. Das Resultat ist ein dichtes Kammerspiel, das sich an einem Nachmittag und fast gänzlich in den Innenräumen einer alten Schule abspielt. Gegen Ende baut Tondel auch traumartige, surreale Sequenzen ein, um Elizabeths Geisteszustand zu illustrieren, die einzige inszenatorische Entscheidung, die man hinterfragen kann.

Fazit

„Armands“ Gehalt geht jedenfalls weit über das simple Sujet „innerschulischer Konflikt“ hinaus und stellt existenzielle Fragen: Wie wissen wir, was wahr ist? Und was leiten wir daraus ab? Ein bemerkenswertes Regie-Debüt, unbedingt sehenswert.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

Renate Reinsve
Renate Reinsve in „Armand“

„Armand“ – Filmdaten

TitelArmand
Kinostart (Österreich)13.6.2025
GenreDrama, Thriller
Laufzeit117 min.
RegieHalfdan Ullmann Tøndel
Darsteller/-innenRenate Reinsve, Ellen Dorrit Petersen, Endre Hellestveit
Bewertung8/10 (filmpluskritik)
Rotten Tomatoes74 %
IMDb6.2
OFDb5.6
Weitere Infos Filmladen-Verleih

*Info: In Deutschland lief „Armand“ schon 2024 im Kino. Der Film ist dort daher bereits als VOD online verfügbar (zu Leihen ab 3,99€)

Trailer

Bilder: © Pandora Film / Eye Eye Pictures