Mit „Der schlimmste Mensch der Welt“ sorgte Joachim Trier 2021 international für Aufsehen und Anerkennung. Nun ist er zurück in Oslo: „Sentimental Value“ genießt dabei nicht nur die Vorschusslorbeeren des „Grand Prix“ von Cannes, sondern wurde ebenfalls für Norwegen ins Oscar-Rennen geschickt. In den Kinos startet das Familiendrama mit Renate Reinsve und Stellan Skarsgård am 04. Dezember 2025. Wenn darüber Qualität entscheidet, dürfte Trier hierfür erneute Lobeshymnen empfangen.

Rezension von Jonas Schilberg

„Sentimental Value“ erzählt Vater-Tochter-Drama

Gustav Borg (Stellan Skarsgård) ist ein gefeierter Regisseur im europäischen Kunstkino. Nachdem seit seinem letzten Film schon mehr als ein Jahrzehnt vergangen ist, will er eigentlich zurück auf den Regiestuhl. Als Hauptdarstellerin hat er dafür ausgerechnet seine Tochter Nora (Renate Reinsve) auserkoren – mit der er ein ausgesprochen frostiges Verhältnis hat. In ihrer Kindheit war er für sie und ihre Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) kaum da, dass sie nun Schauspielerin ist, scheint ihn ebenfalls wenig zu interessieren; ihre Theateraufführungen besucht er jedenfalls nicht. Somit erscheint Gustavs Rollenangebot wie ein vergifteter Versuch von Versöhnung.

Nora steht selbst in einer schwierigen Lebensphase. Während Agnes mitten im Leben zu stehen scheint, hat sie vor Theaterauftritten Nervositätsausbrüche und kann kaum damit umgehen, plötzlich wieder ihren Vater um sich zu haben. Sein Angebot lehnt sie darum zunächst ab, sodass Gustav die US-amerikanische Popschauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) engagiert. Glücklich sind damit aber alle nicht ganz. Nora erklärt Rachel in Bezug auf ihren Vater: „Es fällt uns schwer, zu reden“, während dieser die Veränderungen der Filmindustrie zu spüren bekommt.

Die Modi des Künstlers und des Ichs daneben

Trier setzt sich in diesem reifen Werk mit der Kunst selbst sowie zwischenmenschlicher Entfremdung auseinander. Es ist kein Zufall, dass Noras Anfall von Lampenfieber dann geschieht, wenn auf der Bühne lautstark das „Dies Irae“-Thema ertönt. Dieses musikalische Leitmotiv stammt ursprünglich aus dem Mittelalter und wurde von diversen Musikern aufgegriffen – von Liszt bis Schostakowitsch, von Ennio Morricone bis Hans Zimmer. Dabei symbolisiert es stets etwas wie Tod, dem Jüngsten Gericht , Schicksal. In dieser konkreten Szene in „Sentimental Value“ zeigt die Verwendung also gewissermaßen: Das Individuum löst sich auf, wenn es zum Künstler wird, stirbt für diesen Moment. Wenn Nora auf die Bühne geht, ist sie nicht mehr Nora, dann ist sie nur noch ihre Rolle.

Vielleicht folgt daraus bereits die Konsequenz, die Skarsgårds Charakter später im Film benennt: „Der Künstler muss frei sein“. Mit diesem Satz möchte er sich unzweifelhaft entlasten, ein schlechter Vater gewesen zu sein. Doch hat er nicht recht? Muss er sich vielleicht tatsächlich vollständig im Künstlersein manifestieren, das „private“ Ich als Hülle hinter sich lassen, um Werke schaffen zu können?

Nun ja, immerhin bestehen die künstlerischen Werke selbst letztlich aus dem, was das Ich verarbeiten will, selbst erlebt hat, es beschäftigt. Allzu unabhängig ist das Künstlersein damit kaum vom Ich. Trier dekonstruiert schließlich Gustavs Einwand, indem der Film, den er drehen will, von seinem eigenen Leben und jener Tochter handelt, zu der sich das Verhältnis so verschlechtert hat.

Entfremdung von der Filmindustrie und vom Leben

Fiktion, so sehen wir in „Sentimental Value“, rührt zu Tränen, wühlt auf, verarbeitet. Sie speist sich aus der Realität und reflektiert diese stets in ihrem Medium. Völlig untrennbar vom Leben ist sie nicht, aber komplex ist das Verhältnis eben durchaus. Mittlerweile haben sich manche Dinge in der Industrie geändert, lernt Gustav: Netflix produziert seinen nächsten Film. Ob er einen Kinostart erhält, ob er selbst den Cast bestimmen darf – das scheint nicht mehr selbstverständlich. So kommentiert „Sentimental Value“ auch aktuelle Entwicklungen: Die Figur Rachel Kamp, die wohl US-Streaming-Content-Schauspiel persifliert, spielt etwa herrlich übertrieben emotional, glatt, psychologisierend.

„Sentimental Value“ ist somit auch eine Geschichte der Entfremdung. Gustav hat sich von der aktuellen Filmindustrie und ihren Neuerungen distanziert, setzt auf seine Stammschauspieler, obwohl diese teils kaum noch laufen können. Während er sich aber von ihr entfremdet, nähert er sich dadurch seiner eigenen Tochter, von der er all die Jahre zuvor entfremdet gewesen ist, wieder an. Das ist der Kern des Films und schlägt den Bogen zurück zur Frage, inwiefern Künstler und Ich den Menschen teilen: Augenscheinlich muss sich Gustav entscheiden, ob er sich entweder vom Kunstschaffen, dem Film oder seiner Tochter entfremden will. Ein Kompromiss … nun, vielleicht findet den das Ende des Films aber doch, ohne vorwegzugreifen.

Fazit

Stellan Skarsgård brilliert in diesem Meisterwerk und vielleicht seiner besten Rolle. „Sentimental Value“ erörtert komplexe Spannungsfelder, ohne allzu stark ins Verkopfte abzurutschen. Stattdessen beweist das wunderschön gefilmte Drama in einzelnen Szenen großes Herz. Und zeugt dann nicht zuletzt von Sentimentalität – aber in positiver Hinsicht. Ein Film, der das Ringen zwischen Kunst und Leben nicht behauptet, sondern spürbar macht.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(94/100)

„Sentimental Value“: Ab 4.12.2025 im Kino.

Bilder: © Filmladen Filmverleih bzw. © Kasper-Tuxen-Andersen