„Ich bereue alles, was ich je gesagt habe“, erklärte Top-Schauspielerin Jennifer Lawrence kürzlich der New York Times. Was sie damit auch meint: Ihr vergangenes aktives Engagement gegen Donald Trump. Wie kam es zu dieser drastischen Wendung? Und was sagt das über das Hollywood der Gegenwart aus?
von Jonas Schilberg
Jennifer Lawrence, junger Superstar
Ihr Aufstieg war kometenhaft: Mit bereits 22 Jahren gewann Lawrence für ihre Darbietung in „Silver Linings“ 2013 den Oscar. Man erinnert sich an ihren Stolperer, bevor sie die begehrte Trophäe entgegennahm. Der machte sie irgendwie nahbar, zeigte doch, dass Perfektion gerade in den Unterbrechungen vermeintlicher Selbstinszenierung liegt. Der Clip ging jedenfalls viral, Lawrence, die zudem ab 2012 durch die „Tribute von Panem“-Reihe zur Pop-Ikone wurde, erreichte den Status des „It-Girls“.
2016 dann, einen Tag nach Trumps Wahlsieg, schrieb sie einen flammenden Kommentar, der sich wortgewaltig gegen den neugewählten Präsidenten richtete. Dass Einwanderung das Fundament der USA sei, las man hier. Und die einzigen Menschen, die sich nach dem Wahlsieg sicher fühlen, seien weiße Männer. Lawrence forderte Minderheiten auf, „keine Angst zu haben, sondern laut zu sein“. Aktivismus, den seinerzeit auch andere Stars betrieben. „Fuck Trump“, rief 2018 etwa Robert De Niro auf offener Bühne. Reaktion: Standing Ovations.
2025: Apathie ersetzt einstigen Aktivismus
Und heute? 2025, Trump, zurück im Weißen Haus – doch Stimmen wie Lawrence positionieren sich kaum noch gegen seine Politik. Keine Angst zu haben, sondern laut zu sein, diese eigene Forderung hat sie aber nicht schlicht vergessen. Wie Lawrence in besagtem Interview ausführt, bedauert sie diese inzwischen, hält sie retrospektiv für falsch. Ihre Begründung ist ernüchternd schwach. So sei sie als Schauspielerin ohnehin von geringem Einfluss. Und medialer politischer Aktivismus fördere letztlich doch nur Spaltung.
Diese Argumentation ist nicht nur miserabel, weil sie einen Widerspruch darstellt – wenn ihre Worte nichts zählen, könnten sie gar nicht zur Polarisierung beitragen. Es klingt vielmehr nach einer Ausrede, mit der sie ihren Opportunismus rechtfertigen will, der eben deutlich bequemer und ungefährlicher ist als Aufbegehren. Dabei liegt auf der Hand, dass Lawrence einerseits als Sprachrohr für Millionen Trump-Kritiker dienen, andererseits Personen unterschiedlichster Lager durch ihre Popularität zum Protest katalysieren könnte. So erinnert ihre Apathie hingegen an das, was nach Mancur Olson große Protestbewegungen verhindere: „Der Erfolg ist ungewiss, der eigene Beitrag [vermeintlich] gering, die Mühen dafür sicher und der Preis eines Fehlschlages enorm“ – also bleibt man untätig zuhause.
Ignoranz angesichts Trumps Politik ist brandgefährlich
Besonders blamabel ist das Verhalten von Lawrence und anderer Filmgrößen, da die Konsequenzen dieser Amtszeit wohl noch tiefgreifender sein werden als Trump I. Während sich die autoritär-faschistische MAGA-Ideologie sukzessive realisiert, finden täglich ICE-Razzien auf den Straßen statt. Professoren wie Jason Stanley sprechen von einer Entwicklung „auf eine faschistische Diktatur“, wandern in diesem konkreten Fall sogar aus. Und ein Gutteil Hollywoods schweigt. So gerät man weniger in Trumps Visier, ist der Irrglaube.
Alles ist politisch. Auch Nichtstun ist Tun. Mit Trump-kritischen Worten heizt man keine verwerfliche „Polarisierung“ an, weil in einer funktionierenden Demokratie keine Dichotomie zwischen Menschenwürde und Menschenverachtung bestehen darf. Wenn doch existent, ist es umso wichtiger, „laut zu sein“, wie Lawrence einst selbst betonte. Auch wer an die Kraft des Mediums Film glaubt, darf sich keine Illusionen machen. Dokumentarfilme wie „Bread & Roses: A Fight for Women’s Rights“, den Lawrence mitproduzierte, werden keine politischen Erdbeben auslösen. Öffentlichkeitswirksame, leidenschaftliche Reden gegen den antidemokratischen Umbau vielleicht auch nicht. Aber lohnt es sich nicht, es für ein „vielleicht doch“ trotzdem zu wagen?
Jennifer Lawrence ist aktuell in „Die My Love“ (Kritik) im Kino zu sehen. (17.11.2025)
