Schaut man zu lange in die Sonne, sieht man daraufhin manchmal Flecken, die eigentlich gar nicht da sind; selbst dann, wenn die Augen geschlossen sind. Trotzdem ist es eine Form der Selbstschädigung, die wohl jeder schon mal getan hat. Und sei es aus reiner Neugier. Mascha Schilinskis Drama „In die Sonne schauen“ (2025) setzt sich intensiv mit dieser sonderbaren Form des Sehens von dem, was nicht ist, auseinander. Der Film erschien kürzlich im Heimkino.

Kritik von Jonas Schilberg

Protagonist ist kein einzelnes Schicksal, sondern ein altmärkisches Haus. Es habe sie schon immer fasziniert, was dort, wo man lebt, eigentlich vor ein paar Jahrzehnten gefühlt, gedacht, erlebt worden sei, meinte die Regisseurin. Und so durchleben wir vier Generationen, zwischen den 1910ern und der Gegenwart, die dieses Haus bewohnten.

Der eigene Tod ist unvorstellbar

„In die Sonne schauen“ rückt dezidiert die weibliche Realitätserfahrung in den Vordergrund und schneidet nicht chronologisch, sondern assoziativ. Es ergeben sich dadurch nicht nur Porträts von Generationen, sondern auch ein Bildnis der menschlichen Psyche überhaupt. Der Tod ist eine Konstante der Gedanken dieser knapp 100 Jahre. Was wäre, wenn ich mich vor den Mähdrescher werfen, ins Wasser springen und ertrinken, meinem Herz aufhören zu schlagen befehlen würde? Es ist das große Geheimnis der eigenen Existenz. Wie Freud schreibt, kommt einem der Tod der Nächsten natürlich vor, der eigene aber unvorstellbar – im Unbewussten halten wir uns für unsterblich.

Genau dies stellt Schilinski dar, wenn etwa all jene Gedankenspiele gemacht werden, aber auch wenn einerseits das Unbegreifen für den real stattfindenden Suizid eines Kindes vermittelt wird, andererseits die beinahe Routine für eine weitere verstorbene Person.

Das Ungesagte und Unterdrückte

Zugleich kreist „In die Sonne Schauen“ um all das Ungesagte, Unausgesprochene. Da ist etwa in den 1910ern Almas Mutter, deren Magen regelmäßig aufstößt, dies aber nie Thema sein darf, wie selbst das kleine Mädchen intuitiv versteht. Dies ist primär symbolisch zu lesen: Nicht ein Magenproblem, vor allem sind es namentlich unterdrückte Gefühle und Bedürfnisse, die nicht ausgesprochen werden (dürfen). Eros. Depressionen. Die Todessehnsucht. Überlegungen, deren einziger Resonanzraum der eigene Geist sind.

So ist da zum Beispiel Irm (Claudia Geisler-Bading) in der DDR, die man nie ernsthaft fröhlich sieht. Sukzessive hat sich zwar etwas entwickelt im Vergleich zu den zwei vorigen Generationen. Doch ist ein Umgang wirklich hilfreich, der eine „Challenge“ daraus macht, Irm zum Lachen zu bringen?

Auch Sexualität ist in jeder der vier Epochen ein Kernthema. Dabei kreist „In die Sonne schauen“ auch immer wieder um die Destruktivität ihrer, mit all den entsprechenden Ausprägungen. Eine Magd, die erst „uninteressant“ gemacht werden soll, bevor sie zu den Männern darf. Was das heißt, lässt sich erahnen, gezeigt werden muss es gar nicht. Oder sexuelles Bedrängen, Missbrauch. Hier, wie im Themenkomplex zuvor, erzählt „In die Sonne schauen“ vom individuellen Hinschauen (und sei es durch ein Schlüsselloch) – und stets folgendem gesellschaftlichen Wegschauen (wie wenn die Kamera wegblickt). Mag dies deprimieren, zeugt es in erster Linie von Glaubwürdigkeit.

Erst Fühlen, dann Verstehen

Die formal angelegte Ambiguität zwingt den Zuschauer durchweg zum eigenständigen Denken und Reflektieren. Was wurde womöglich nicht nur innerhalb der Generationen jenes Hauses vererbt – sondern auch an uns? Gesellschaft wird im deutschen Oscarbeitrag durchaus (und richtigerweise) als fluid gezeigt. Religiosität hat so etwa rasant an Bedeutung eingebüßt. Das Frauenbild besteht nicht mehr zwingend nur in Relation zu einem Mann, Weiblichkeit hat sich weiterentwickelt.

Dennoch: Insbesondere das Denken ist doch insofern faszinierend, als es eben durchaus in hundert Jahren beständige Themen gibt und gab, die dieses umschwirren.

Die Regisseurin erklärte, man müsse diesen Film nach einer Robert Bresson‘schen Devise zunächst nur fühlen, dann verstehen. Dies besitzt insofern eine Komik, als sie dadurch bereits ihre Figuren vorweggreift. Sie agieren schließlich umgekehrt; viel denken, höchstens unterdrückt fühlen. Darum sollten wir uns von diesem Ausspruch nicht irritieren lassen, sondern als selbstreflexiven Humor auffassen. Denken und fühlen, das geht letztlich zusammen.

Gleichwohl ist „In die Sonne schauen“ fantastisch gefilmt, sodass auch der bloße Blick auf das Ästhetische, der „fühlende Blick“, überwältigen mag. Denkwürdig sind Einstellungen wie jene, in der die Familie der 1910er an einem großen Tisch isst, die Kamera aber vorerst vor der Tür bleibt, sodass der Türrahmen das Gezeigte einrahmt. Hier wird auf rein bildsprachlicher Ebene das Korsett dessen gezeigt, was man Familie nennt. Hinzu kommen akustische Experimente. Es knistert so mitunter, wie bei einer Schallplatte oder „Found Footage“. Das erinnert an im Keller entdeckte Zeitdokumente.

Sehen, was (nicht) ist

Und geht es wie erwähnt wieder und wieder darum, sich an etwas zu erinnern, das man eigentlich nicht gesehen hat. Zu sehen, was eigentlich nicht stattfindet. So ist es doch auch mit dem Auflegen einer Schallplatte, dem Durchblättern eines fremden Fotobuches: Man denkt dann manchmal, sich an etwas zu erinnern, das jedoch in Wahrheit gar nicht der eigenen Biografie entstammt. Ein Stückweit widerlegt Schilinski damit auch die Illusion vollkommener Individualität.

Fazit

„In die Sonne schauen“ ist nicht nur einer der besten Filme des Jahres, sondern ein herausfordernder, virtuos gestalteter und schauspielerisch grandioser Film, dessen Dialoge eine hohe Literarizität besitzen. Existenzialismus, Psychoanalyse und Filme wie „Das weiße Band“ oder „The Hours“ haben ihn unmerklich geprägt, dabei wurde jedoch etwas ganz Eigenes geschaffen. Eine Sichtung genügt nicht – dieser Film fordert auf,
wiederzukehren.

„In die Sonne schauen“ startete im August 2025 im Kino. Seit 21.1.2026 ist der Film auch im Heimkino verfügbar (u.a. als VOD und auf Disc).

Bei unserer Wahl zum „Film des Jahres 2025“ landete er auf Platz 5.

Bild: (c) Studio Zentral