„Maysoon“, der Film der Berliner Regisseurin Nancy Biniadaki, beginnt mit Familienidylle: Maysoon (Sabrina Amali), ihr Partner Tobi (Florian Stetter) und deren beide Kinder verbringen einen gemeinsamen Tag am Strand. Die Sonne scheint, die Stimmung ist bestens, das Glück dieser jungen Familie scheint perfekt. Sie, ausgebildete Ägyptologin, die nach dem arabischen Frühling aus Alexandria nach Berlin kam, hat sich hier eine neue Existenz aufgebaut, einen Beruf gefunden, eine Familie gegründet. Ihre eigene Familie hat sie hinter sich gelassen, keinen Kontakt zu den in Ägypten gebliebenen Eltern, die ihr für den tragischen Tod ihres Bruder die Schuld geben (und sie sich selbst auch). Tobi und ihre Kinder wurden so ihre neue Heimat, wie Maysoon einmal sagt.

Kritik von Christian Klosz

Doch der Schein im Sonnenschein trügt, denn bereits in Kürze sollte alles zerbrechen und die Protagonistin in eine tiefe Krise gestürzt werden, die ihr Leben an sich in Frage stellt: Eines Abends kommt Tobi nach der Arbeit nach Hause, verhält sich seltsam und wehrt Maysoons Fragen ab, bis er ihr schließlich offenbart, mit einer anderen Frau geschlafen zu haben.

„Maysoon“: Über das Zerbrechen einer Beziehung

Sie reagiert erst gefasst, sagt „sowas kann passieren“ und sie hätte das gar nicht wissen wollen. Doch mit der Zeit wird ihr bewusst, dass die Sache doch an ihr nagt. Und was ein Ende der Beziehung bedeuten könnte, emotional, aber auch rechtlich, denn Maysoons Reisepass ist am Ablaufen und die ägyptische Botschaft weigert sich, ihn zu erneuern. Ihre Zukunft in Deutschland ist ungewiss. Tobi verhält sich immer distanzierter, es wird klar, dass seine Affäre kein „einmaliger Ausrutscher“ war. Die Beziehung der beiden, die so stabil und perfekt gewirkt hatte, auch auf ihr Umfeld, zerbricht.

„Maysoon“ macht aus dieser einerseits gewöhnlichen, aber doch speziellen Ausgangslage in ein sensibles, gut beobachtetes Drama, das seine Figuren und deren emotionale Reise(n) in den Mittelpunkt stellt. Regisseurin Biniadaki arbeitet oft mit der Handkamera, die immer nah am Geschehen ist, die Mimik der Figuren (v.a. Maysoons) einfängt, das Publikum an ihrer Gefühlsreise teilhaben lässt. Hauptdarstellerin Sabrina Amali trägt den Film über weite Strecken fast alleine auf ihren Schultern und tut das absolut überzeugend. Ihr Spiel ist realistisch und lässt das emotionale Minenfeld, das sich im Inneren ihrer Figur verbirgt, spürbar und sichtbar werden.

Überhaupt ist „Maysoon“ ein Film, der von Emotion getragen wird: Er erzählt keine Geschichte der Vernunft oder davon, wie inter- und intrapersonelle Konflikte konstruktiv gelöst werden können; stattdessen erlaubt er es seiner Protagonistin zu fallen, umherzuirren, zu suchen. Es ist das feinfühlige Porträt einer Krise.

Sensibles Porträt einer Krise

Man mag einwenden, dass sich keine der beiden Hauptfiguren logisch verhält, beide destruktiv agieren, wobei die (Hinter-)Gründe zumindest bei Maysoon halbwegs nachvollziehbar sind, während sie bei ihrem Partner unklar bleiben: Auf den ersten Blick gibt es keine keine erkennbaren Gründe, warum er seine Frau betrügt. Er wird auch im Laufe der Erzählung keine nennen (können), bzw. der Film stellt sie nicht dar. Vorgeblich bemüht sich Tobi um Vernunft und emotionale Kontrolle: Die neue Situation sei eben so, wie sie nun sei, es gehe jetzt um die Kinder, man müsse eine Lösung finden, sagt er. Zweifellos ein richtiger Impuls.

Dann wiederum lässt er Maysoon wissen, dass er sie immer geliebt habe, für immer mir ihr verbunden sei, in der schönsten Szene des Films nähern sich die beiden noch einmal an, obwohl eigentlich bereits alles vorbei ist, küssen sich, lange nach der Trennung; für einen Moment scheint ein „Happy End“ möglich.

Dann stößt Tobi seine Ex-Partnerin mit dem Vorschlag vor den Kopf, zu heiraten. Aber nicht aus Liebe oder um einen Neustart zu wagen – sondern um ihr rechtliche Sicherheit zu geben, um in Deutschland bleiben zu können. Die Kinder, die sollten im Gegenzug dann zu ihm, weil er ihr „in ihrem Zustand“ nicht trauen könne. Sie reagiert wütend, läuft weg, am Ende sollte dann doch ein „Quickie“ im Park das endgültige Beziehungsende besiegeln. Ein schmerzhaftes, irrationales Umherirren, eine Hin- und Her, das viel über Liebe an sich aussagt, aber auch über die Situation der Protagonistin. Erneut treffen sich hier das Universelle und das Spezielle.

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Fazit

„Maysoon“ ist ein schöner, trauriger, aber realistischer Film über Liebe und über die destruktive Kraft, in die sie umschlagen kann, wenn Herzen und Versprechen gebrochen werden, wenn Enttäuschungen nicht verarbeitet werden, alles vor dem Hintergrund einer schmerzhaften Migrationsgeschichte. Und am Ende auch eine Erzählung über „Freiheit“ und die Frage, wie diese individuell zu definieren sei. Sehenswert.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(82/100)

„Maysoon“ – ab 18.3.2026 im Kino (Deutschland). Weitere Infos

Bild: (c) Grandfilm Verleih