Sie wollten alles ändern und das Kino revolutionieren: Beim Stichwort „Nouvelle Vague“, der einflussreichen französischen Filmbewegung der 1950er und 60er, werden Filmkenner hellhörig. Richard Linklater („Before Sunrise“) hat der Strömung junger Filmemachender nun mit seinem gleichnamigen Drama „Nouvelle Vague“ ein Denkmal gesetzt. Das dokumentarisch anmutende Werk, welches die Entstehung des Films „Außer Atem“ aufbereitet, konnte bereits auf Filmfestivals wie den Französischen Filmtagen Leipzig gesehen werden und startet am 12. März 2026 regulär in die Kinos. Der Versuch, jener Epoche neues Leben einzuhauchen, ist geglückt.

von Jonas Schilberg

„Nouvelle Vague“ zeichnet Dreh von „Außer Atem“ akribisch nach

Schon zu Beginn wird klar, worauf man sich einlässt: Flackern, Klaviermusik, der weiße Titel „Nouvelle Vague“ auf schwarzem Hintergrund, Copyright (angeblich) 1959. Die folgenden fast zwei Stunden versetzen uns in dieses 1959, als Jean-Luc Godard „Außer Atem“ drehte. Zunächst zeigt Linklaters Film in einer Art Prolog Vorarbeiten: Godard, der in Cannes genervt andere Filme sieht, aber auch merkt, wie etwas im Entstehen ist, etwas Neues. Und seine Clique junger Filmkritiker (später mehr und mehr Filmemacher), langsam erste Erfolge feiert. Jetzt soll auch Godards Stunde geschlagen haben. Er kümmert sich akribisch um eine passende Besetzung, findet Produzent und Drehbuch: Es kann losgehen.

Der Dreh selbst, so zeigt der Film, gestaltete sich in mehrfacher Hinsicht unkonventionell. Nicht nur drehte das Team öffentlich mitten auf der Straße. Als die Maskenbildnerin von Jean Seberg (Protagonistin in „Außer Atem“, gespielt von Zoey Deutch) anreist, will Godard (Guillaume Marbeck) sie am liebsten sofort wegschicken. Gefällt eine Szene den anderen, gefällt sie Godard nicht. Manche Arbeitstage lässt er abrupt bereits nach zwei Stunden beenden. „Ich habe keine Ideen mehr für heute“, heißt es dann lapidar. Vor allem Jean Seberg ist zunehmend unzufrieden mit der Arbeit am Film. Sie habe keine Ahnung, was hier gedreht wird, freue sich, wenn es endlich vorbei ist, moniert sie.

Immersives Eintauchen in Entstehungszeit

Ästhetisch erscheint „Nouvelle Vague“ einmalig: Körniger Schwarz-Weiß-Look, Bildstörungen, Texttafeln, Knistern und konsequente Tiefenschärfe, die schon „Außer Atem“ auszeichnete, erwecken den Eindruck, man habe es mit einer verschollenen Filmrolle unschätzbaren Wertes zu tun. Übersät ist dies mit Zitaten: Sei es die berühmte Autoszene aus „Außer Atem“, die nachgeahmt wird, der direkte Blick in die Kamera oder berühmte Godard-Zitate wie: „Alles, was man für einen Film braucht, sind eine Knarre und eine Frau“. Es ergibt sich ein wahres Fest der Cinephilie.

„Mystifiziert den Film nicht“, rät zu Beginn Rossellini der Gruppe aufstrebender Filmjournalisten. Diesem Dogma verschreibt sich glücklicherweise auch Linklater. Weder verkommt sein „Nouvelle Vague“ zum alteingesessenen Nostalgiekitsch, noch glorifiziert er übermäßig. Es ist entscheidend, die Figur Godard, Filmliebhaber-Posterboy, zu brechen. So sehen wir ihn eben einerseits als grübelnden, manischen Intellektuellen, der mit schwarzer Sonnenbrille vielbedeutend in sein Notizbuch kritzelt, diverse Gelehrte referenzierend. Aber dieses Bild des enervierenden Eigenbrötlers taut auf, wenn er doch mal lacht, am Flipperautomaten spielt oder sich mit dem Produzenten prügelt.

Entzaubern des Mythos Godard

Zugleich beweist „Nouvelle Vague“ erfrischende Selbstironie, wenn die Crew Godards Ausdrucksweise persifliert. Und vielleicht, so scheint durch, sind es keine edleren Motive als bloßer Neid auf die Lorbeeren seiner Freunde, die Godard überhaupt erst veranlassen, mit „Außer Atem“ ein Debüt hinzulegen. Vielleicht ist Godard eben doch kein Gott, sondern auch nur ein Mensch, flüstert es zu uns.

nouvelle vague film 2
Regisseur Richard Linklater und sein Hauptdarsteller

Das Ergebnis kann sich sehen lassen, aber kaum in Worte fassen. Das Wesen eines Films in Sprache wiederzugeben, ist manchmal einfach nicht so leicht. Als Godard von einem Passanten gefragt wird, was für ein Film hier gedreht wird, antwortet dieser knapp: Ein Dokumentarfilm über Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg, die einen Film drehen. Im Prinzip fasst diese Antwort auch „Nouvelle Vague“ zusammen. Dabei zeugen bravouröse inszenatorische, aber auch schauspielerische Leistungen von tiefer Auseinandersetzung mit dem Thema. Gewissermaßen gleicht der Wahnsinn der Dreharbeiten zu „Außer Atem“ dem Anachronismus, dass „Nouvelle Vague“ in dieser konsequent historisierenden Form existiert. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich die US-amerikanischen Rechte ausgerechnet Netflix gesichert hat.

Fazit

„Nouvelle Vague“ erweist jener Epoche, die den Filmtitel bildet, nicht bloß Hommage, er traut sich, neue Blickwinkel auf die Größen dieser Zeit zu eröffnen. Brillantes Schauspiel und eine einzigartige Form verleihen dem Werk außergewöhnliche Einheit, Konsequenz, Größe. Man denkt aber auch zurück an „Außer Atem“ – in einer Szene antwortet dort ein Schriftsteller auf die Frage nach seinem Lebensziel: „Unsterblich werden… und dann sterben“. Godard, der 2022 als letzter Überlebender der Nouvelle Vague (freiwillig) von dieser Welt gegangen ist, vielleicht hat er genau dieses Ziel erreicht, denken wir beim Abspann dieses spannenden Werkes.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

„Nouvelle Vague“ wurde im Rahmen der Französischen Filmtage Leipzig gesehen. Ab 12.3.2026 ist er regulär im Kino zu sehen.

Bilder: (c) Jean-Louis Fernandez