Mit der „Before“-Trilogie hat er moderne Klassiker geschaffen, mit dem erst vorletzte Woche gestarteten Film „Nouvelle Vague“ sich Klassikern gewidmet. Nun startet ein weiterer Film von Richard Linklater in die Kinos. „Blue Moon“ ist dabei wieder eine Nummer kleiner, zugleich aber hochkarätig besetzt mit Ethan Hawke („Club der toten Dichter“), Andrew Scott („All of Us Strangers“) und Margaret Qualley („The Substance“). Das Drama, das von den letzten Tagen des 1943 verstorbenen Liedtexters Lorenz Hart erzählt, spielt fast ausschließlich in einer Bar. Ab dem 26. März 2026 ist es regulär zu sehen.
Kritik von Jonas Schilberg
„Blue Moon“ erzählt von einer Nacht in einer Bar
Lorenz Hart (Ethan Hawke) redet in einer New Yorker Bar. So könnte man „Blue Moon“ womöglich zusammenfassen, wenn man ihn vergröbern wollte. Und genau davor sei tunlichst gewarnt: Auch wenn im Bild zunächst wenig passiert, passiert dahinter, namentlich in den Dialogen und den Gesichtern derjenigen, die sie führen, eine ganze Menge. Am Klavier sitzt ein US-Soldat, Morty, hinter dem Bartresen bedient Eddie, schenkt Hart Whisky ein. Es laufen Vorbereitungen: „Oklahoma!“, das Musical von Richard Rodgers (Andrew Scott), feiert seine Premiere.
Der Stich für Hart: Jener Rodgers war eigentlich sein langjähriger Partner. Seinen größten Erfolg scheint er nun jedoch mit einem neuen zu begehen, Oscar Hammerstein II. Dem nicht genug, spürt der 47-jährige Hart außerdem ein Begehren für die 20-jährige Elizabeth (Margaret Qualley) und weiß kaum, wie damit umzugehen. So witzelt er mit großer Zigarre im Mund, während der Saal voller wird, der Jubel über „Oklahoma!“ lauter, die Distanz zu Rodgers größer.
Verbittert oder überholt?
Hart mag „Oklahoma!“ nicht. Das macht er zumindest Eddie deutlich: Vom Ausrufezeichen im Titel bis hin zur Nostalgieversessenheit und Gefälligkeit des Werks, alles scheint verkehrt zu sein. Ihm bereitet das Rezitieren Dutzender Filmdialoge Freude, „Oklahoma!“ hingegen kritisiert er unentwegt. Unentwegt? Nun ja, jedenfalls bis die „Oklahoma!“-Produktion eintritt. Dann lobt er plötzlich überschwänglich und in derselben lyrischen Größe, mit der er zuvor noch das vernichtende Urteil fällte. Ist er schlicht verbittert? Über die begeisterte Meute, die wenige Meter von ihm, der an dem Glas nippt, entfernt steht, der er nicht angehört?
Man kann es als Generationenkonflikt lesen: Hart stellt nicht zuletzt bereits eingangs fest, dass seine Musik kaum noch populär ist – mit Ausnahme seines Erfolgs und titeltragenden Stücks „Blue Moon“. Auch wenn der einstige Partner Rodgers nur wenige Jahre jünger als Hart ist, scheint dieser eine neue Generation zu repräsentieren. Denn angesprochen auf zukünftige Zusammenarbeit, belehrt er Hart: Er könne Hart nicht länger morgens, wie eine Mutter, aus dem Bett klingeln. Es bräuchte feste Arbeitszeiten. Kurzum: Rodgers will die Arbeit professionalisieren, rationalisieren.

Kunst vs. Kulturindustrie
Damit eröffnet der Film „Blue Moon“ die Gretchenfrage des Musicals: Nur seichtes Entertainment oder anspruchsvolle Kunst? So spricht Rodgers mit der Manier eines „Kulturindustriellen“, der das Musiktheater als mechanisierbare Fließbandarbeit zu verstehen scheint – „It’s a business, that’s all“, sagt er an einer Stelle. Hart hingegen beharrt auf dem „Originellen“, der Verwirklichung einer Idee, gewürzt mit scharfem, bissigem, kontroversem Humor. Der Eine will die Welt bloßstellen, der andere die Welt bloß unterhalten, vielleicht lässt es sich so kurzfassen. Geschäftsmänner lösen Künstler ab. Die Charaktere fungieren gewissermaßen selbst als Allegorien: Hart ist exzentrisch, einzigartig, komplex, Rodgers mehr ein Allerweltsgesicht.
Die Atmosphäre dieses Werks sorgt dabei dafür, dass „Blue Moon“ weniger schwerfällig oder gar staubig wirkt, als es klingen mag. Der Klavierjazz, die leicht verrauchte Bar und die andauernden Pointen und Rezitationen Harts erwecken eine kurzweilige Leichtigkeit. Ethan Hawke brilliert hierbei und geht auf herausragende Weise in seinem Charakter auf. Und auch die Anziehung zwischen Hart und besagter Elizabeth ist hochinteressant: Selbst der so wortversessen-eloquente Hart ist letztlich unfähig, sie adäquat zu beschreiben. Ja, ist Elizabeth einfach nur eine Karrieristin, die darum seine Schmeicheleien zulässt?, rätseln andere. Doch womöglich ist es anders und sie schlicht sehr angetan von Harts besonderer Art, seinem Umgang. Von seinem Exzentrismus. Nicht anders ergeht es uns doch als Publikum: In der Kunst, im Theater finden wir das Originelle interessanter als das Gewöhnliche.
Fazit
„Blue Moon“ stellt eine Art von Film dar, wie sie selten geworden ist: Nicht im offensichtlichen Sinne spektakulär, dafür unaufgeregt und subtil. Also ironischerweise aus denselben Gründen, die der Protagonist am modernen Musical beklagt. Mit der Narration des typischen, psychologisierenden Biopics hat das Werk wenig zu tun – und das im besten Sinne. So gehen diese 100 Minuten voll Charme, Tragik und inspirierender Dialoge rasch um, die ein zurecht oscarnominierter Ethan Hawke dominiert.
Bewertung
(70/100)
„Blue Moon“: Ab 26.3.2026 im Kino.
Jetzt auch im Kino: „Nouvelle Vague“ von Richard Linklater | Kritik
Bilder: © 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
