Das erfolgreiche Indie-Studio A24 bringt mit „Die my Love“ erneut einen polarisierenden Genre-Hit mit Starbesetzung in die Kinos: Regisseurin Lynne Ramsay („We Need to Talk About Kevin“, „You Were Never Really Here“) lässt sich von Ariana Harwiczs Roman inspirieren und holt sich für ihre Charakterstudie Unterstützung von den Ausnahmetalenten Jennifer Lawrence (Porträt) und Robert Pattinson. Doch die Marketingkampagne dürfte die Erwartungen des Publikums in eine etwas andere Richtung gelenkt haben, als der Film selbst intendiert. „Die My Love“ erschien am 13.11.2025 im Kino und ist ab 23.4.2026 nun auch auch Disc erhältlich. Außerdem kann der Film bei MUBI gestreamt werden.
Kritik von Natascha Jurácsik
„Die My Love“ (2025) – Handlung
Die Schriftstellerin Grace (Jennifer Lawrence) zieht mit ihren Ehemann Jackson (Robert Pattinson) aufs Land in das Haus seines verstorbenen Onkels, um dort gemeinsam ihr Baby großzuziehen. Doch das zunächst scheinbar friedliche Familienidyll wird für Grace schnell zum Albtraum, aus dem sie nicht ausbrechen kann, ohne dabei ihr Umfeld mit sich in den Abgrund zu reißen.
Wer nach dem Trailer von „Die My Love“ eher auf eine gröbere, düstere Version von „Malcolm & Marie“ (Kritik) gehofft hat, dürfte vom eigentlichen Projekt etwas verwirrt sein. Ramsay schafft hier weder einen Blick hinter die Fassaden der Liebe, noch versucht sie, postpartale Depression in den Fokus der Narrative zu stellen. Vielmehr geht es auf einer psycho-sozialen Ebene um das Dasein einer Frau innerhalb gewisser gesellschaftlicher Strukturen, wie sie in vielen Kulturen herrschen.
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Grace ist weder das Opfer auf sie einwirkender Erwartungen, die sie gezwungen ist gegen ihren Willen zu erfüllen, noch ist sie eine hysterische Geisteskranke, die ohne erkennbare Ratio gegen ihre Umwelt wütet. Sie ist eine junge Frau, die versucht, sich ein Leben nach ihren Vorstellungen aufzubauen, ohne dabei ihre Menschlichkeit zu verlieren – woran sie letztendlich zu scheitern droht. Sobald sie ihren Sohn auf die Welt bringt, ist sie nicht mehr Grace, ein Individuum das auch Elternteil ist, sondern nur noch eine Mutter. Gleichzeitig ist sie keine Schriftstellerin mehr, die versucht einen Roman zu vollenden, sondern eine Hausfrau, die nebenbei schreibt. Und schließlich verliert sie auch ihren Status als eigene Person in einer Partnerschaft und wird nur noch zur Ehefrau.
Von Erwartungen und Zwängen
Dies wird in „Die my Love“ immer wieder in Dialogen verdeutlicht, in denen andere Figuren versuchen ihr zu helfen: Statt auf sie und ihre ganz persönlichen Schwierigkeiten einzugehen, gehen sie nur aus der Perspektive ihrer auferlegten Rollen auf Grace ein und versuchen ihr als Mütter, Haus- und Ehefrauen gutgemeinte Ratschläge zu geben, wie sie denn besser mit ihrem Los im Leben klarkommen könnte. In all diesen Momenten weigert sich Grace auf diese Versuche einzugehen – nicht aus irrationaler Starrköpfigkeit, sondern weil sie ihre eigentlichen Erfahrungen und Emotionen auf fundamentale Weise missverstehen.

Visuell drückt die Regisseurin das klaustrophobische Gefühl, in eine Rolle gedrängt zu werden, die in ihrer Form nie ausreicht, die Gesamtheit einer Person zu umfassen, auf simple, aber effektive Art mit einem Bildformat von 1.33:1 aus, was bei einem Filmformat auf 35mm Band der Standard ist, aber für heutige Zuschauer ein beklemmendes Gefühl auslösen kann. Gleichzeitig wird Grace immer wieder mit Naturbildern in Verbindung gebracht, sei es durch Setting, allegorische Szenen, die einer Art filmischen Traumlogik folgen, oder durch ihr bewusst Katzen-artiges Verhalten.
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Liebe reicht nicht für ein Happy End
Um den Konflikt zwischen Grace als Individuum und ihrer Existenz als Frau von der metaphorischen auf eine konkrete narrative Ebene zu holen, wird ihr Charakter immer wieder mit dem ihrer Schwiegermutter Pam (Sissy Spacek) kontrastiert. Pam ist nämlich gerade dabei, sich nach dem Tod ihres Mannes selbst zu verlieren; ohne Mann und ohne Kind im Haus lösen sich ihre bisherigen Rollen als Ehefrau, Hausfrau und Mutter in ihrem Alltag auf – und somit auch sie selbst. Obwohl Pam nicht einfach als bedauernswertes Opfer des Patriarchats dargestellt wird, symbolisiert sie dennoch alles, was Grace nicht sein möchte: In ihrer Identität vollkommen abhängig von ihren Beziehungen.
Jennifer Lawrence leistet hierbei Großartiges und stellt ihre Fähigkeiten als eine der nuanciertesten DarstellerInnen der Filmindustrie unter Beweis, indem sie allein durch einen Blick alles kommuniziert, was der Dialog nicht offen ausspricht. Robert Pattinson steht ihr dabei in keinerlei Hinsicht nach und bildet als etwas chaotischer Kerl das perfekte Gegenstück zu Lawrences Grace. In ihrer Partnerschaft, die sowohl von Zuneigung als auch von Frustration geprägt ist, kommuniziert „Die My Love“ den Gedanken, dass Liebe und Zugehörigkeit allein im Angesicht mancher Probleme einfach nicht für ein idyllisches Happy End reichen.

Trotz eines organisch wirkenden Handlungsaufbaus läuft „Die My Love“ allerdings an manchen Stellen Gefahr, die Spannung zu verlieren, die er mühsam durch Atmosphäre und einigen eindrucksvollen Konfrontationsmomenten aufbaut und könnte daher auf einige Zuschauer etwas schleppend wirken. Allerdings wird das Tempo durch einen fantastischen Soundtrack, der sowohl tonal als auch narrativ gelungen eingesetzt wird, kompensiert.
Fazit
Ein etwas anderer Beziehungsfilm – „Die My Love“ weigert sich partout, einfache Antworten auf simpel gestellte Fragen zu liefern und widmet sich stattdessen breiteren Konzepten, die auf beeindruckende Weise innerhalb einer einfach wirkenden Geschichte repräsentiert werden. Das Streben nach existenzialistischen Thematiken allerdings dürfte bei einem breiteren Publikum eventuell auf Verwirrung oder Unverständnis stoßen. Dennoch lohnt sich eine Sichtung – allein schon wegen den Performances von Lawrence und Pattinson.
Bewertung
(87/100)
„Die My Love“: 13.11.2025 im Kino, 23.4.2026 auf BluRay, außerdem bei MUBI zu sehen.
Weitere Infos & Bewertungen zum Film: IMDb | Rotten Tomatoes
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„Die My Love“ (2025) – Trailer
Bilder: ©MUBI / Kimberly-French bzw Seamus McGarvey
