Filmothek Film #61*

Ehe: Amerikanisches Ideal und Idyll, Sehnsuchtsort, scheinbar sicherer Hafen, Bestimmung und Erfüllung, das Ziel aller Träume. – Und wenn doch nicht? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Sam Mendes in seinem 2008-er Film „Zeiten des Aufruhrs“ (OT: „Revolutionary Road“), basierend auf dem Roman von Richard Yates. Er seziert in seiner in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts angesiedelten Erzählung den amerikanischen Traum (und nicht nur jenen) von Einfamilienhaus, Ehe, zwei Kindern, sprich: Das Ideal des bürgerlichen Spießertums, das in Erfüllung von Konventionen seine Bestimmung findet, während hinter den schicken Fassaden der gediegenen Vorstadthäuschen und Ehen Abgründe und Leeren lauern, die das mit Inbrunst gespielte und dargestellte Glück bedrohen, das den Kern dieses American Dream ausmachte, als es ihn noch gab.

Ein Film über die Abgründe hinter den Fassaden des Spießbürgertums

Die beiden Hauptfiguren (toll bzw. herausragend: Das Titanic-Traumpaar Leonardo DiCaprio und Kate Winslet) in „Zeiten des Aufruhrs“, die Wheelers, sind zu begabt und eigenwillig für dieses strikt geregelte Leben anhand klarer Linien – aber Konventionen, Umstände, Bequemlichkeiten und (finanzielle) Verlockungen bringen ihren Traum vom Ausbruch, der ihre Realität wäre, während sie ihre gelebte Realität als öden Traum erkennen, ins Wanken. Bis sie ihre Umwelt (z.B. befreundete Paare) spiegeln, die im Ausbruchsversuch der Wheelers einen scheinbar unrealistischen und unerreichbaren Traum sehen wollen, sehen müssen, da diese Realität deren Vorstellungen vom guten und richtigen Leben ins Wanken bringt und eigene Wünsche offenlegen würde, die sie sich nicht eingestehen können. Sie projizieren ihre Ängste und Sehnsüchte, verdrängt, da ihnen für sie der Mut fehlt, auf Kate und Leo, deren Ehe langsam, aber stetig an dem Eisberg zerbricht, der sich Alltag nennt.

Während in „Titanic“ die Liebe den Tod und die Tragödie besiegte, besiegt in „Zeiten des Aufruhrs“ ebenjener Alltag mit all seinen Konventionen und Anforderungen als träge und ausgedehnte Tragödie die Liebe: Mendes gelang ein kluger, reflektierter und hervorragend gespielter Film über Träume und deren Zerplatzen und die Wirkmacht sozialer Zwänge, aus denen es kein Entrinnen gibt. (von Christian Klosz)

„Zeiten des Aufruhrs“ ist aktuell bei Paramount+ im Abo zu sehen, bei diversen Anbietern als VOD (ab 2.99€) und auf Disc verfügbar.

*In der #Filmothek stellt unsere Redaktion seit Bestehen von Film plus Kritik immer wieder Filme vor, die wir für unbedingt empfehlenswert halten: Klassiker, Geheimtipps, Perlen, persönliche Favoriten… die 70 bisher vorgestellten Filme kann man HIER finden.

Bild: Ausschnitt Filmposter – Fair Use

(Aktualisierter Beitrag – erschien erstmals 2022 auf filmpluskritik.com)