Die initiale Veröffentlichung gab es für „The Furious“ bereits im letzten Jahr: Ab September war er auf mehreren Festivals zu sehen und hat sich so erspielt, was ihm zusteht – eine reguläre Präsentation im Kino. Nun ist es soweit und der neue Film von Kenji Tanigaki ist seit 18. Juni 2026 genau dort für alle in Deutschland und Österreich zu sehen.

Kritik von Richard Potrykus

„The Furious“ erzählt von dem nicht sprechenden Menschen Wang Wei und dem Journalisten Navin, die aufgrund tragischer Ereignisse zusammenfinden. Während Wang Weis Tochter von einem Menschenhändlerring entführt wird, sucht Navin nach seiner Verlobten, die über genau diese kriminelle Organisation recherchierte und seither verschwunden ist.

Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche oder vielmehr die wohlchoreografierte Jagd in einer Stadt irgendwo in Südostasien. Dabei müssen sie nie lange auf Hinweise warten und können sich wie in Computerspielen durch die einzelnen Level arbeiten, in die sie geworfen werden.

„The Furious“ setzt neue Standards in Sachen Martial Arts

Dass der Film weiß, nach welchem Konzept der inszeniert wird, zeigt sich dabei auch auf der Leinwand, wenn Wang Wei und Nivan an einem Grundstück ankommen und in einem sehr kurzen Briefing und anhand eines 3D-Modells auf einem Tablet abklären, wie sie nun vorgehen werden. „The Furious“ hat so die Möglichkeit, sich auf das Thema des Films und die Mittel zur Umsetzung zu konzentrieren. Anders gesagt: Es gibt ein Ziel, es gibt eine Etappe, dahinter geht es weiter, dazwischen wird gekämpft.

Der Regisseur Kenji Tanigaki, der aus der Stuntchoreografie kommt und seine Passion hier dicht und angenehm dreidimensional in Szene setzt, war bereits vor zwei Jahren an „City of Darkness“ für die Konzeption und Umsetzung der Kampfsequenzen verantwortlich und hielt nun die kreative Hoheit über das ganze Projekt. Als Stunt Director stand ihm Kensuke Sonomura zur Seite, der nicht zuletzt in den „Baby Assassins“-Filmen nicht nur sein Talent für schnelle und enorm dynamische Choreografien, sondern auch eine gewisse Verspieltheit unter Beweis stellen konnte.

„The Furious“ setzt hier neuen Standard in Sachen Martial Arts. Zwar sind die einzelnen Sequenzen nicht ganz so elegant wie zum Beispiel die Pendants in den modernen Klassikern „The Raid“ und „The Raid 2“, dafür brillieren sie durch enorme Entschlossenheit und Brutalität, die sich dadurch auszeichnet, dass jeder Kampf durch Kraftanstrengung und dem Verhältnis von Ursache und Wirkung entschieden wird.

Der Kampf gegen den Menschenhandel

Was zunächst banal klingen mag, hat durchaus einen tieferen Sinn, denn neben all der Kämpfe und visuellen Effekte, die dem Publikum über nahezu die gesamte Laufzeit von 113 Minuten geboten werden (es gibt wirklich nur wenige Momente der Ruhe), erzählt „The Furious“ von einem ernsten und schwerwiegenden Verbrechen, welches industrielle Maßstäbe hat und systemische Deckung genießt. Dagegen vorzugehen gleicht einer Sisyphusarbeit, bei der die Hürden unüberwindbar scheinen und man selbst ans Äußerste gehen muss, um überhaupt eine Chance zu haben.
Eine besondere Note erhält der Film dann, wenn der sich der Oberschurke anderen noch fieseren Gestalten (es gibt immer einen, der noch böser ist) rechtfertigen muss.

Die Attitüde eines Elfenbeinturms, die hier präsentiert wird, angesichts der flächendeckenden Ausbreitung des Menschenhandels, ist ein klares Signal, sowohl in Richtung der tatsächlichen Gerichtsbarkeit als auch in Richtung der Filmstudios, die noch immer Filme über Drogenkartelle produzieren, während auf den Straßen Kinder entführt werden.

Round One: Fight

Natürlich werden in den Kämpfen neben den eigenen körperlichen Möglichkeiten und der einen oder anderen Waffe auch reguläre Gegenstände eingesetzt, die die jeweiligen Räume bieten. Und in der Tat erinnert der fantasievolle Einsatz der Umwelt so manches Mal an die Klassiker von Jackie Chan. Doch verzichtet der Film bewusst auf die humoristische Leichtigkeit, die seinerzeit damit einherging.

the furious film


„The Furious“ ist ein entschlossener Film und in den Momenten, in denen man dann doch lachen mag, rührt diese Emotion nicht aus der verspielten Akrobatik, sondern aus einer Übertreibung, zu der sich der Film dann und wann hinreißen lässt. Vor dem Hintergrund des Menschenhandels bieten diese Momente einerseits Möglichkeiten der Erleichterung und des Eskapismus, andererseits zeigen sie auf, wie krank es ist, überhaupt Menschenhandel zu betreiben, Kinder zu entführen, zu versklaven und dann meistbietend weiterzureichen.

Selbstverständlich hat der Film nicht nur eine böse Thematik, sondern auch konkrete Schurken zu verzeichnen, und es erinnert einmal mehr an Computerspiele, wenn man sich die illustre Galerie der Gegner vergegenwärtigt. Da ist Ho (Brian Le, „Shang-Chi“, „Bullet Train“) zu nennen, ein eher bulliger Geselle, der stark und erstaunlich schnell ist, daneben Paklung (Joey Iwanaga,“Enter The Fat Dragon“), der bewusst eindimensional gezeichnete Oberschurke des Films, und schließlich Tak (Yayan Ruhian, „The Raid“, „John Wick: Kapitel 3“, „Boy Kills World“), der krasser kaum sein könnte. Neben diversen namenlosen Statisten wirken die Aufeinandertreffen stets wie Boss Fights, die „Tekken“ oder „Street Fighter“ entlehnt sein könnten.

Fazit

„The Furious“ ist ein brutaler Film, der zurecht eine FSK 18 Freigabe erhalten hat und ganz in seiner Körperlichkeit aufgeht. Die Kämpfe sind handfest, die Gewalt real, was schon am Poster zum Film zu erkennen ist, auf dem der Protagonist zu sehen ist, wie er mit einem Hammer auf seine Gegner einschlägt. Wer hier an Park Chan-Wooks „Oldboy“ denkt, ist auf der richtigen Spur. Wie jeder gute Genre-Film weist auch „The Furious“ über sich hinaus und gibt sich durch das Thema des Menschenhandels eine besondere Relevanz. Wer hier zu den Bösen gehört, wird zurecht bestraft. Natürlich gibt es eine Metaebene, aber der Film bleibt fest im Genre verhaftet und zeigt einmal mehr auf, wozu das Medium fähig ist.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(81/100)

„The Furious“: Ab 18.6.2026 im Kino (Ö, D).

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Bilder: (c) Capelight Pictures