Neo(n) Noir trifft Giallo – nach knapp zehn Jahren Funkstille bringt Nicolas Winding Refn nun wieder einen ganz eigenen Film fürs Kino heraus. Wie gewohnt Star-besetzt, in Neon-Farben getränkt und eher abwegig, positioniert sich „Her Private Hell“ gezielt abseits herkömmlicher Blockbuster, doch Kenner von NWRs Stil treffen hier auf wenig Neues. Beim diesjährigen SLASH Filmfestival in Wien durfte das Projekt in Anwesenheit des Regisseurs Österreich-Prämiere feiern.

Kritik von Natascha Jurácsik

Familie kann man sich bekanntlich nicht aussuchen – nach diesem Motto muss sich die Schauspielerin Elle (Sophie Thatcher) damit abfinden, dass ihr exzentrischer Vater (Dougray Scott) sie in ein Hotel bittet, um mit ihrer ehemaligen besten Freundin und neuen Stiefmutter Dominique (Havana Rose Liu) und der nervenaufreibenden Newcomerin Hunter (Kristine Forseth) einen Film zu drehen. Doch als sich ein erdrückender Nebel über die Stadt legt und einen mythisches Serienmörder mit sich bringt, kreuzen sich ihre Wege mit dem tragischen Private K (Charles Melton), der verzweifelt nach seiner entführten Tochter sucht.

„Her Private Hell“: Außen hui, innen pfui

Wer von Refn auf ähnliche Werke wie den Kultklassiker „Drive“ hofft, ist schon lange an der falschen Adresse. In den letzten Jahren hat sich der Däne eindeutig auf einen Stil spezialisiert, der von Neonlichtern, Traumlogik und einem trägen Tempo lebt und eher an einen Drogentrip erinnert als an die zutiefst menschliche Story von „Drive“. Diese Ästhetik spaltet schon lange die Meinungen von Filmfans, aber letztendlich gilt: Wer’s mag der mag’s, wer nicht schau es sich nicht an.

Mit „Her Private Hell“ hat Refns Stil wohl seinen Höhepunkt erreicht: Als Verschmelzung von italienischem Giallo und amerikanischen Noir lädt der Film in eine Welt ein, die ihren ganz eigenen Gesetzen folgt und somit durchaus überzeugend ist. Das Visuelle übernimmt hierbei einen Großteil der Arbeit und schafft mithilfe von kreativen Setdesigns, gelungenen Kostümen und einer beinah hypnotisierenden Verwendung von Licht und Farben eine authentische Märchenwelt, in die der Zuschauer sofort eintaucht.

Aber ein Film besteht bekanntlich nicht ausschließlich aus einer gelungenen Optik, womit Refns neuestes Projekt als Fotoausstellung wohl erfolgreicher wäre. Die gesamte Spielzeit von fast zwei Stunden wirkt eher wie ein langgezogenes Musikvideo oder eine extensive Parfümwerbung als eine zusammenhängende Geschichte. Zwar gibt es erkennbare Schlüsselthemen, die sich durch sämtliche Handlungsstränge ziehen, aber die stehen hier definitiv an zweiter Stelle. Das Prinzip ‚Style über Substanz‘ hat sich Refn ganz offensichtlich zu Herzen genommen, wodurch die oberste Priorität von „Her Private Hell“ ist, dass alles möglichst cool aussieht.

Style over Substance

Den wenigen inhaltlichen Aspekten, die sich erkennen lassen, wurde scheinbar nicht ansatzweise so viel Aufmerksamkeit zuteil wie der Ästhetik. Eine schöne junge Frau mit Vaterkomplexen, die sich in einen übernatürlichen Serienkiller manifestieren und Raum und Zeit durchqueren, um den Teufelskreis von generationenübergreifendem Trauma zu durchbrechen. Dabei wird selbstverständlich viel nackte Haut gezeigt, was das Casting von hochattraktiven Nachwuchsschauspielern erklären dürfte. Das soll nicht heißen, dass Sophie Thatcher, Havana Rose Liu und ihre Kollegen nicht talentiert wären, was sie durchaus sind; aber in „Her Private hell“ zumindest scheint das keine Rolle zu spielen, denn Emotionen zu zeigen stand wohl nicht in Refns Skript. Abgesehen von der ein oder anderen einsamen Träne und einem zugegeben eindrucksvollen Ausraster sind die Ausdrücke der Darsteller von Anfang bis Ende in Stein gemeißelt. Auch hier galt wohl: Hauptsache es sieht alles cool aus.

Die Meinungen werden sich auch bei diesem Projekt wieder scheiden: Den einen wird der Tumblr-eske Look, der besonders in den visuell basierten Sozialen Medien beliebt sein dürfte, als Grund absolut ausreichen um zwei Stunden in einem dunklen Kinosaal zu sitzen. Doch Filmfans, denen Details wie Geschichte, Handlung, Dialoge, interne Logik, etc. wichtig ist, werden sich fragen, warum sie gerade zwei Stunden lang dabei zugesehen haben, wie ein Haufen normschöner, in Neonlicht und Kunstnebel getauchte Menschen sich verhalten, als wären sie auf Drogen. Die mehrmals im Film auftauchenden Initialen des Regisseurs wirken dabei wie eine höhnische Antwort eines egomanen Urhebers: „Selbst schuld!“

Fazit

Außen hui, innen pfui – „Her Private Hell“ hat außer einer gelungenen, aber mäßig interessanten Ästhetik und schöner Menschen nicht viel zu bieten. In Kombination mit einer durchdurchsichtigen, internen Mythologie und einem langsam dahinkriechenden Tempo ist Nicolas Winding Refns neuer Spielfilm vor allem eins: langweilig.

Bewertung

Bewertung: 4 von 10.

44/100

„Her Private Hell“ wurde bei der Premiere im Rahmen des Slash Filmfestivals gesehen.

Bild: (c) Slash Filmfestival 2026