Ein Mörder, ein Opfer, ein Wettlauf gegen die Zeit – AppleTV macht mit der neuen Serie „Nocturne“ Klassikern wie der Hannibal-Lecter-Reihe Konkurrenz und erzählt die Geschichte zweier Polizisten, die auf die Hilfe eines verurteilten Straftäters angewiesen sind. Doch so simpel diese Prämisse auch klingt, ist es nicht ganz einfach sie auch gelungen umzusetzen. Regisseur, Drehbuchautor und Creator der Show Rowan Joffé versucht es trotzdem. Das Ergebnis kann man seit 30.10.2026 auf AppleTV sehen.
Kritik von Natascha Jurácsik
Als plötzlich ein Junge, der seit langem als vermisst gilt, wieder auftaucht und die Ermittlungen aufs Neue eröffnet werden, muss der verantwortliche Ermittler Jonah Lynn (Liev Schreiber) aus dem Ruhestand zurückkehren und die Suche nach der ebenfalls vermissten Schwester des Opfers neu aufnehmen. Die erste Anlaufstelle ist dabei der verurteilte Serienmörder Jurek Walter (Stephen Graham) – doch als Verantwortlicher hinter der Entführung beider Kinder sitzt er in einer psychiatrischen Anstalt seine Strafe ab. Lynn holt sich Hilfe bei seinem ehemaligen Schützling Saga Bauer (Zazie Beetz) und schleust sie als verdeckte Ermittlerin in die Anstalt, wo Walter festgehalten wird, ein. Doch können sie Walter dazu bringen den Standort des Mädchens preiszugeben, bevor es zu spät ist?
„Nocturne“ orientiert sich an (zu) großen Vorbildern…
Die Eröffnungsszene von „Nocturne“ ist als erster Eindruck zu Walters Charakter sehr gelungen inszeniert: Scheinbar von bloßem Zerstörungswahn und Todesfanatismus geleitet manipuliert er einen anderen Insassen, bis sich dieser auf brutale Art das Leben nimmt. Walter wird fast wortwörtlich als verführerische Stimme des Teufels dargestellt, die sich langsam, aber sicher in das Bewusstsein seines Opfers flüstert und seinen Willen bricht. Hiermit macht die Serie auch deutlich, dass Walter als Figur das Kernstück der Narrative ist und wie ein Puppenspieler auf der Meta-Ebene sämtliche Handlungsstränge in seinen Händen hält.
Graham verkörpert die Rolle ziemlich gut: Er versteht es, seine Stimme gezielt einzusetzen, um seinen jeweiligen Gesprächspartner zu seinen Zwecken auszunutzen. So sieht auch der Zuschauer immer wieder eine neue Seite von Walters Persönlichkeit und bekommt einen Einblick in seine Psyche und Verhaltensweise, ohne jemals wirklich zu wissen, wer er ist und was ihn motiviert, was einen Großteil der Spannung treibt.
…und scheitert am eigenen Drehbuch
Doch trotz dieser Stärken – und einiger Ähnlichkeiten – kann Jurek Walter einer Figur wie Hannibal Lecter nicht das Wasser reichen und das liegt einzig und allein am Drehbuch. Vergleicht man „Nocturne“ mit ähnlichen Krimis wie „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Hannibal“, offenbaren sich die Schwachstellen recht schnell: Jedes Mal, wenn der zentrale Antagonist bei letzteren beiden zur Sprache kommt oder vor der Kamera erscheint, deutet jedes einzelne Detail in der Inszenierung und der Interaktion zwischen den Figuren darauf hin, dass er ein hochintelligenter, hochmanipulativer Psychopath ist, dessen Gefahr von seiner Fähigkeit ausgeht andere psychisch zu beeinflussen.
Bei „Nocturne“ hingegen scheint sich das Skript nicht ganz entscheiden zu können, ob Walter nun physisch oder psychologisch am gefährlichsten ist: Einerseits wird er zu Beginn als eine Art Hypnotiseur gezeigt, der seine Opfer allein durch Worte zu seinem Willen zwingt, und andererseits wird er mithilfe von Injektionen ruhiggestellt und seine Zelle auf eine selbstgemachte Waffe durchsucht, was auf das Risiko tätigen Angriffs deutet. Im nächsten Moment betonen die Wärter, wie gefährlich es ist, ihm auch nur die kleinsten persönlichen Informationen preiszugeben, da er diese zu seinen manipulativen Zwecken ausnutzt, woraufhin allerdings ein junger Pfleger in seine Zelle geschickt wird, der aufgrund seiner ausgeprägten Empathie und Einfühlsamkeit hierfür rekrutiert wurde.
Was die Serie versucht über Walter zu vermitteln und wie die restlichen Charaktere um ihn herum handeln sendet gemischte Signale, was zwar die Ambiguität um ihn herum bestärkt, aber gleichzeitig seinen Effekt als gefährlichster Spieler vermindert. Hinzu kommt, dass die offizielle Verfahrensweise seitens der Psychiatrie und der Behörden, wie sie in der Serie gezeigt wird, oft widersprüchlich ist und manchmal sogar keinen Sinn ergibt. Hier hätte eine genauere Recherche, was solche Prozesse angeht einen großen Unterschied gemacht.

Unklare Motivlage
Auch die anderen Figuren in „Nocturne“ haben ähnliche Schwächen: Trotz interessanter Charakterisierungen und gelungener Darstellungen herrscht generell ein Problem mit Klarheit, was Motivation und Eigeninitiative betrifft. Entweder die Gründe für gewisse Taten sind nicht eindeutig oder sogar unlogisch, oder sie stimmen nicht mit den Handlungen überein.
In anderen Fällen stimmen Motivation und Handlung der Person zwar, sind aber ziemlich flach und nicht ausreichend ausgearbeitet. Natürlich besteht hier die Chance, dass diese Lücken in späteren Folgen noch gefüllt werden, aber darauf sollte sich eine Serie nicht ausruhen, da die ersten paar Folgen entscheiden, ob man weiterguckt oder nicht. Genauso hätten die Dialoge von einer zusätzlichen Bearbeitungsrunde profitiert, in der vor allem abgenutzte Klischees und Tropes mit originelleren Ansätzen ersetzt werden.
Atmosphärisch ist „Nocturne“ bis jetzt jedoch sehr gut umgesetzt: Zwar ist das Tempo etwas langsam gestaltet und bremst so an einzelnen Stellen etwas die Spannung, sorgt allerdings auch dafür, dass jede Szene sehr eindringlich und die Schlüsselmomente fast belastend ominös wirken. Optisch sind die bisherigen Folgen ebenfalls überzeugend gestaltet, wenn auch ein bisschen uninteressant. Joffé hätte sich mit der Ästhetik ruhig etwas waghalsiger an die Thematik herantasten können, um der Geschichte einen optisch fesselnderen Rahmen zu bieten.
Fazit
Ein holpriger Start – „Nocturne“ ist ein interessanter Versuch einer atmosphärischen Krimiserie, die dringend einen letzten Anstrich gebrauchen könnte. Zwar emuliert sie erfolgreich Vorgänger wie „Hannibal“ oder „True Detective“ auf einer narrativen Ebene, aber die Handvoll Schwächen, die sich ins Drehbuch eingeschlichen haben, mindern die Qualität der ersten drei Folgen erheblich. Aber einen Blick auf die kommenden Episoden hat sich die Show bislang doch verdient.
Bewertung
(64/100)
„Nocturne“: Serie, seit 30.10.2026 bei AppleTV. Pro Woche 1 neue Folge.
Bilder: (c) AppleTv
