Es ist noch gar nicht so lange her, da sorgte eine Nachricht innerhalb der Filmwelt für euphorische und panische Aufschreie zugleich: ein vierter Teil der Matrix-Reihe wurde offiziell bestätigt. Doch woran liegt es, dass die Ankündigung der Fortsetzung eines Franchise, das vor über fünfzehn Jahren mit einem eher negativ im kollektiven Gedächtnis verbliebenen Teil auf der großen Leinwand zu sehen war, nach wie vor im Stande ist, so viel Wirbel zu erzeugen? Oder anders gefragt: was macht den ersten Teil so besonders, dass sich Cineasten ein enttäuschendes Sequel nach dem anderen anschauen, stets von der Hoffnung beseelt, dass die Verantwortlichen vielleicht doch noch einmal an das Original herankommen könnten?

von Mara Hollenstein-Tirk

Westliche Action trifft auch östliche Cyberpunk-Dystopie

Schaut man sich den heutigen Einfluss japanischer Mangas und Animes auf die westliche Popkultur an, mag es vielleicht verwundern, aber Ende der 90er, als Matrix die Kinosäle weltweit im Sturm eroberte, zählte diese Animationskunst noch zu den absoluten Nischenprodukten. Zwar gab es bereits ein paar Serien, welche die Kinder im Nachmittagsprogramm an den Fernseher fesselten, aber der Gedanke, dass die im fernen Osten geschaffenen Werke mehr sein könnten, als seichte Unterhaltung, hatte sich noch nicht gefestigt. Und dann war da plötzlich dieser Film, mit seinem eigenwilligen Look, seinem außergewöhnlichen Setting, seinem philosophischen Ansatz. Auf jene Wenigen, die Werke wie „Ghost in the Shell“ bereits kannten – zu ihnen zählten eindeutig auch die Regisseure des Films, die Wachowski- Geschwister – mögen viele der verwendeten Elemente nicht sonderlich neu oder innovativ gewirkt haben, doch für den durchschnittlichen Kinogänger schien sich eine Revolution auf der Leinwand abzuspielen: die langen schwarzen Ledermäntel, die leichte Verschiebung der Farbpalette hin ins grünliche, das bahnbrechende Konzept hinter der Matrix selbst. Und nicht nur das, auch auf technischer und inszenatorischer Seite wurden neue Maßstäbe gesetzt. Als prominentestes Beispiel sei hier der inszenatorische Einsatz des sogenannten „Bullet Time“-Effektes angeführt, eine äußerst aufwendig Technik, die es dem Regisseur erlaubt, während einer scheinbar in Zeitlupe ablaufenden oder sogar gänzlich stillstehenden Szene einen Kameraschwenk zu vollziehen und so dem Zuschauer die Situation von mehreren Blickwinkeln aus zu präsentieren. Hier wurde Dystopie nicht als auswegloses Drama inszeniert, hier erhoben sich ein paar Mutige gegen das System, kämpften in beeindruckend choreographierten Sequenzen um ihre Freiheit, stets auf der Suche nach dem einen Auserwählten, der sie alle befreien sollte.

Existentialistische Philosophie gepaart mit christlichem Glaubensgut

Da haben wir es also, jenes Wort, welches von Anfang an klarstellte, dass jegliche Fortsetzung eigentlich nur scheitern konnte: „Auserwählter“. Die Analogie zum christlichen Heiland war mehr als deutlich und doch schafften es die Wachowskis, ihre Geschichte, dank einiger geschickter Drehbuchkniffe, nie in biblische Gefilde abrutschen zu lassen. Da wäre einerseits die Darstellung des „Messias“ an und für sich: ein dünner, blasser Hacker, der von seinem Bürojob gelangweilt ist und eher zu der schüchternen Sorte gehört, dann natürlich noch das beliebte Sujet des „Fish out of Water“, welches garantiert, dass der vermeintliche Held nie übermächtig oder gar arrogant rüberkommt, und zu guter Letzt jene Begegnung mit dem Orakel, welche dem Einen einfach so den Wind aus den Segeln nimmt, gerade als dieser anfängt, selber an sich zu glauben. Doch es sind nicht nur diese den Protagonisten betreffenden Drehbuchentscheidungen, welche dazu beitragen, dass selbst der gestandenste Atheist nicht kopfschüttelnden den Fernseher ausmacht, sondern auch die Verschmelzung der Idee eines „Auserwählten“ mit existentialistischen Konzepten. Was ist Realität? Wie können wir uns der uns umgebenden Welt sicher sein? Können wir mit Sicherheit sagen, dass uns unser Gehirn keinen Streich spielt? Fragen, die in der Philosophie bereits seit Jahrzehnten diskutiert werden, wurden hier auf filmischer Ebene leicht verdaulich aufbereitet und mit einem jahrtausende alten Konzept der finalen „Erlösung“ verknüpft, wodurch dieses Konzept selbst in Frage gestellt wird.

Das perfekte Ende (ruiniert durch die Fortsetzungen)

Genau hier haben wir also jenes Element, welches Segen und Fluch zugleich für die Verantwortlichen darstellt, den eigentlichen Grund, weshalb der erste Teil der Saga heute bereits als Klassiker gilt und die beiden Fortsetzungen von den meisten am liebsten tief in einem Loch versteckt werden würden: die Geschichte selbst. Denn der erste Teil endet auf eine sehr konsequente und die einzig logische Art und Weise: ob der Protagonist tatsächlich der gesuchte Auserwählte ist, bleibt fraglich, ob er etwas gegen das System ausrichten kann ebenfalls, und erst recht, ob es irgendeinen Unterschied machen würde. Ein Film, der über seine gesamte Laufzeit hinweg die Frage nach einem Sinn aufwirft, verweigert in letzter Instanz eine finale Antwort und regt so den Zuschauer dazu an, sich selber Gedanken darüber zu machen – so schreibt man Filmgeschichte. Was wäre das nur für eine schöne Welt, wenn dies die letzten Worte dieses Artikels sein könnten, doch leider meinten die Wachowskis irgendwann, dass die Zeit der Unklarheiten nun ein Ende finden müsste und entzauberten damit ihr eigenes Mysterium, indem sie dann doch die Bibel als storytechnisches Referenzwerk hernahmen, um den Zuschauern zu beweisen, dass selbst in einem modern gewandeten Cyberpunk-Setting der Erlöser am Ende durch Selbstopferung triumphiert. Und so harrt die Fangemeinde dem vierten Teil entgegen, mit dem Wissen, dass es wohl kaum noch schlimmer werden kann, und der sehnsüchtigen Hoffnung, dass vielleicht doch noch alles gut werden wird, und der filmische Meilenstein namens „Matrix“ eine würdige Fortsetzung bekommt – auch wenn das wohl unmöglich scheint.       

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