Margaret Thatchers strenge Zensurpolitik ist die Grundlage für diesen britischen Horrorfilm von Prano Bailey-Bond. Gewalttätige Filme und ihre Auswirkungen auf die Zuschauer/innen sind ein bekanntes Diskussionsthema, zu dem „Censor“ einen Beitrag leistet. Aus der Perspektive von Enid Baines (Niamh Algar) erzählt Bailey-Bon hier eine Geschichte des langsamen Abstiegs in den Wahnsinn. Enids Beruf ist es, gewalttätige Filme zu sichten und sie entweder zu zensieren oder für den Markt freizugeben. Aus diesem spannenden Szenario entwickelt sich ein kleiner Horrorfilm der bereits auf diversen Festivals lief. Auf der Berlinale 2021 wurde er in der Panorama-Sektion gezeigt.

von Marius Ochs

Das Setting ist wahnsinnig interessant: Als Zensorin wird Enid Baines tagtäglich mit extremem, gewalttätigem Material konfrontiert. Besonders schön sind die Szenen, wenn sie im Privatkino des Zensurbüros mit kalt-analytischem Blick die Gräueltaten analysiert, als wäre es Alltag. Das ist es auch für sie. Als die berüchtigte „Yellow Press“ aber mitbekommt, dass ein Film, den sie durchgewunken hat, möglicherweise eine Nachahmer-Tat inspirierte, steigt der öffentliche Druck auf Enid und ihre Arbeit. Ein lange verdrängtes Trauma kommt so wieder in ihr hoch – und plötzlich taucht da dieser Film auf, dessen Geschichte ihr seltsam bekannt vorkommt…

„Censor“ erzählt also eine relativ klassische Geschichte, der Abstieg in den Wahnsinn wurde schon etliche Male auf der Leinwand dargestellt und das auch wesentlich besser als in diesem Fall. Deshalb muss sich der Film vor allem auf eine Stärke verlassen: Das Setting. Durch den Beruf der Protagonistin als Zensorin können nicht nur viele Film-Referenzen eingebaut werden, auch die Rolle der Zuschauer/innen und deren Verhältnis zur Gewalt wird so vom Film clever hinterfragt. Durch einen soliden Soundtrack und die starke Leistung von Niamh Algar als Enid tritt der unterschwellige Horror dabei gekonnt immer mehr an die Oberfläche.

Doch „Censor“ ist in zwei Hälften geteilt, die unterschiedlich gut funktionieren. Während der Einstieg durch die Ungewissheiten und die gut konstruierten Ereignisse fesselt, kommt der zweite Teil nur langsam in Fahrt. Wenig Überraschungsmomente und die etwas formelhafte Abarbeitung des Themas sorgen dafür, dass sich selbst die recht knappen 80 Minuten stellenweise etwas ziehen. Die Logiklücken könnte man auch als Referenz auf den Splatter-B-Movie-Kontext verstehen, in dem der Film handelt, doch hauptsächlich machen sie die Handlung schwer nachvollziehbar und dementsprechend weniger interessant.

Das Ende, zwar ziemlich vorhersehbar, dafür aber wenigstens sehr innovativ und schockierend geraten, entschädigt für die Ungereimtheiten. Enids Übergang zum Wahnsinn endet in einem schön blutigen Finale, das durch die Überblendung von Fiktion und Realität sehr gut unterhält und auch ästhetisch einiges bietet. Vor allem das Kostüm und Make-Up von Niamh Algar entstellen sie so gekonnt, dass man gar nicht mehr weiß, wie sie zu Beginn des Films überhaupt ausgesehen hat. Allein für das Ende lohnt sich „Censor“ also schon.

Fazit:

Ein solider Horrorfilm mit einem interessanten Setting, aber leider ohne große Überraschungs- oder Schockmomente: Selbst bei der kurzen Laufzeit von etwas über 80 Minuten zieht sich der Streifen stellenweise etwas. Die sehenswerte Performance von Niamh Algar rettet den „Censor“ vor der B-Movie-Hölle und das gut gemachte Ende manövriert den Film endgültig aus dem Einheitsbrei und macht ihn, zumindest für Genre-Fans, sehenswert.

Bewertung:

Bewertung: 7 von 10.

(66/100)

Bild: © Silver Salt Films