Seit mehr als einem halben Jahr stehen die Lichtspielhäuser in Deutschland und Österreich still. Mit wenigen Ausnahmen („Modellregion Tübingen“ – inzwischen wieder geschlossen; Vorarlberg) gab und gibt es hier nichts zu sehen auf den großen Leinwänden der Programm- und Multiplex-Kinos. Und auch dort, wo geöffnet wurde, ist man von einem Normalbetrieb weit, weit entfernt, denn es ist recht simpel: Die Filme fehlen. Experten gehen davon aus, dass vor 2022 mit einem „Normalbetrieb“ nicht mehr zu rechnen ist.

von Christian Klosz

Relativ unbemerkt von den Medien in D und Ö gab es allerdings im Nachbarland Schweiz – bei ähnlich hohen Inzidenzwerten – um den 20. April herum große Öffnungsschritte: Handel, Außengastronomie, Hotels durften wieder öffnen, aber auch Kultureinrichtungen wie eben die Kinos. Landesweit. Heißt: Seit 2.5 Wochen lebt das Kino in der Schweiz wieder.

Natürlich konnten nicht alle Spielhäuser gleichzeitig und in gleichem Ausmaß aufmachen, da es dafür Filmmaterial braucht und sich eine Öffnung rentieren muss. In der Hauptstadt Zürich wird inzwischen eine große Zahl der Kinos wieder bespielt, in kleineren Städten wie St. Gallen vorerst nur ausgewählte. So wie das KINOK in der Lokremise, ein Programmkino mit beachtlichem und buntem Spielplan: „Futur Drei“, „Drunk“, „The United States vs. Billie Holiday“, „The Nest“ oder „Das Mädchen und die Spinne“ sind dort derzeit unter anderem zu sehen.

Gesäumt wird das Kinoerlebnis von beeindruckender Kulinarik, die am Spielort (vorerst nur draußen) angeboten wird: In der Schweiz heißt es eben nicht nur Endlich wieder Kino! sondern auch: Endlich wieder genießen! (siehe Bild oben/unten)

Wie bereits letzten Herbst herrscht im Kino sowie im Kinosaal Maskenpflicht, Getränke und Essen sind dort nicht erlaubt. Beim Besuch von „The Nest“ am 24.4. um 21:00 ist der Saal spärlich gefüllt, der Außenbereich des angeschlossenen Lokals allerdings gut besucht. Zumindest ansatzweise weht der Flair gediegener Kulturerlebnisse durch die kühle Abendluft, wenngleich die Schweizer vor Ort an diesem frühsommerlichen Abend ihre neue Freiheit (nachvollziehbarerweise) eher zum Trinken, Essen und Feiern nutzen. Dennoch: Trotz Corona-Gefahr fühlt man sich im Kino sicher, einem gemeinschaftlichen Filmerlebnis steht nichts im Wege. Und nicht nachvollziehbar ist, warum das nicht längst auch bei uns möglich ist.

Am Rande erwähnt werden soll, dass der gesehene Film „The Nest“, ein Psycho/Sozial-Drama mit Jude Law, das in den 70ern des letzten Jahrhunderts angesiedelt ist, eine leichte Enttäuschung ist, denn aufgrund der bisher bekannten Infos erwartet man sich mehr von einem Werk, das schließlich über weite Strecken ohne Spannung und bis zum Ende ohne Klimax auskommt (Rating: 60/100). Allerdings: Darum ging es nur am Rande, denn das Schöne war, zu sehen, dass das Kino nicht tot ist, und bei gutem Willen auch trotz Corona-Pandemie einiges möglich ist – wenn man denn nur will. Übrigens: St. Gallen liegt sowohl direkt an der deutschen, als auch an der österreichischen Grenze. Und ist derzeit – wie die gesamte Schweiz – ohne Einreisetest besuchbar.

Bilder: (c) filmpluskritik / Christian Klosz / Julia Beetz