Von „Bad Boys“ über „Armageddon“ bis hin zu „Transformers“. Seit über 25 Jahren knallt und explodiert es im ganzen großen Stil in Michael Bays Hollywood Blockbuster Actionfilmen. Ein Markenzeichen dabei: Stunts und Explosionen sind handgemacht, egal wie absurd und größenwahnsinnig das Vorhaben erscheint. Neben dem Krawallfeuerwerk sind es die Verfolgungsjagden (bei denen gerne mal weit mehr als nur Autos geschrottet werden), die munitionsfressenden Schießereien, die goldgelben Sonnenuntergänge, das Schnittgewitter und das Pathos, die die gewaltigen kinosaalerschütternden Blockbuster auszeichnen.

live von der Premiere aus Berlin von Madeleine Eger

Michael Bay schreckt eben vor keiner Herausforderung zurück und lässt sich auch nicht stoppen. Schon gar nicht von einem Virus, das die Welt in den Lockdown zwang. So wurden die leeren Straßen von LA zum riesigen Spielplatz für den Regisseur und sein Team, die einen gekidnappten Krankenwagen durch die amerikanische Metropole jagen. Lose an den 2005 erschienen dänischen „The Ambulance“ angelehnt, inszeniert der Meister des Actionkinos einen Film, der sich diesmal nicht nur auf seine Druckwellen verlässt, die einen in den Kinosessel pressen, sondern auch auf Spannung und nervenzehrende klaustrophobische Atmosphäre, die im ganz typischen (und eigens geprägten Begriff) „Bayhem“ auf die Leinwand knallen.

Will (Yahya Abdul-Mateen II), ein Afghanistan-Veteran, ist der Verzweiflung nahe. Seine Frau (Moses Ingram) muss dringend operiert werden, allerdings bewilligt die Versicherung den Eingriff nicht. In der Not wendet er sich an seinen Bruder Danny (Jake Gyllenhaal), der sich bereits mit etlichen Banküberfällen einen Namen gemacht hat und ihm die hohe Summe leihen könnte. Der allerdings nutzt die Gelegenheit aus und will seinen Bruder beim nächsten Überfall dabei haben. Nur zögerlich ist Will bereit mitzumachen, aber mehrere Millionen kann er nicht ausschlagen. Zunächst scheint der Überfall reibungslos abzulaufen. Dann jedoch platzt ein Polizist in das Geschehen und sowohl er, als auch sein Partner gefährden den gut durchdachten Plan. Als der Coup auffliegt, eskaliert die Situation und Will schießt einen der Polizisten lebensbedrohlich nieder. Im totalen Chaos und ohne Fluchtwagen sehen die ungleichen Brüder nur eine Chance: Den Krankenwagen, der zur Rettung des Cops gerufen wurde, kidnappen und mit Vollgas durch LA abhauen. Dabei haben sie allerdings die Rechnung ohne Cam (Eiza González) gemacht, die fest entschlossen ist, das Leben des jungen Polizisten zu retten. Und das selbst, als die Verfolgungsjagd vollständig außer Kontrolle gerät.

„Ambulance“ fühlt sich anders und doch unglaublich vertraut an. Während Michael Bay seine bisherigen Filme mit ausgiebigem Feuerwerk, unvergleichlicher Zerstörung, Chaos und endzeitähnlichen Szenarien eröffnete, beginnt sein neues Actionspektakel erstaunlich ruhig. Bay nimmt sich tatsächlich etwas Zeit, um die Figuren, ihre Sorgen und ihr fragiles sowie fast zwiespältiges Familienverhältnis zueinander auszuleuchten. Da ist eben der Ex-Marine Will, der für sein Land alles gegeben hat und jetzt doch daran verzweifelt, dass ihm und seiner Frau medizinische Hilfe verwehrt wird und zwei Brüder, die unter der Oberfläche den Kampf gut gegen böse ausfechten. Will als pflichtbewusster Soldat steht dem psychopathischen Bankräuber und Player Danny gegenüber, dem jedes Mittel recht ist, um an die Millionen zu kommen. Was die beiden dennoch eint: Sie gehen für ihr Ziel über Leichen, zögern nicht, schweres Geschütz zu benutzten, das mit Leichtigkeit riesige Löcher in Autos und menschliche Körper reißt – ob im Krieg oder beim Raubüberfall.

Dabei scheint Danny ganz bewusst die Kriegsvergangenheit von Will auszunutzen. So zeigt sich Yahya Abdul-Mateen in seiner Rolle zerrissen, an manchen Stellen sogar vom Krieg gebrochen und leicht zu triggern. Wo Will also mit seinen Dämonen der Vergangenheit ins Gericht geht, mal zögerlich, im Affekt und dann wieder kühl professionell agiert, nimmt in Jake Gyllenhaals Charakter Danny das Verrückte, Unberechenbare und Abgebrühte die Oberhand – was Gyllenhaal zuweilen herrlich überspitzt und mit sichtlicher Freude am hektischen Rumbrüllen auf die Leinwand zaubert. All das verpackt Michael Bay in „Ambulance“ nun in einen Film, der mit vollem Tempo durch die nahezu leeren Straßen rast, seine Schauspieler jedoch dabei fast ausschließlich auf kleinstem Raum spielen lässt. Da wird das Fahrzeug nicht nur zum Fluchtwagen, sondern auch zur Koordinationszentrale und provisorischem Operationssaal.

Ambulance

Für „Ambulance“ heißt es nicht nur ohne Halt hinein in die Action, sondern auch hinein in eine der wohl teuersten Verfolgungsjagden – und in gewisser Weise in das wahre Leben. Michael Bay holt sowohl einen Fuhrpark, bei dem die Polizeiwagenkolonne aussieht, als würde die nächste Generation Autobots durch LA rollen, als auch echte Spezialisten aus Medizin, der Feuerwehr und Polizei vor die Kamera. Von den handgemachten waghalsigen Stunts ganz zu Schweigen. Wenn die Autos durch die Luft fliegen, durch Parkhäuser und Gemüsekartons donnern und sich sogar noch Verfolgungen mit mehreren Helikoptern liefern, ist Bay sichtlich in seinem Element. Vor allem aber der Banküberfall und die sich anbahnende Katastrophe bieten Bilder und insbesondere Sounds, die sich ganz in Manier von „Heat“ ins Gedächtnis hämmern und den Kinosaal zum Beben bringen.

Dabei sind es gerade die Momente, in denen „Ambulance“ mit typischem Schnittgewitter und wackeliger Handkamera aufwartet, in denen der Film ordentlich Tempo und Spannung anzieht. Dazwischen finden sich aber doch merklich träge Strecken, in denen der Regisseur ein ums andere Mal einen Drohnenflug über wahllose Wolkenkratzer oder merkwürdig abgeblendete Kamerafahrten inszeniert, die Sonne untergeht oder irgendwer versucht, mit einem flotten One-liner das Charisma von „Bad Boys“ heraufzubeschwören. „Ambulance“ ist an vielen Stellen zu inkonsequent, aber immer noch genügend konsequenter Bayhem-Actionpathos, wie man es von Michael Bay eben erwartet.

Fazit

Bebende Sounds, knallharte Action und ein Schauspielensemble, das sichtlich Spaß am neuen Streich von Michael Bay hat: Mit Vollgas durch LA, wird der Film vor allem vom schwachen Drehbuch und zuweilen flachen Witzen ausgebremst – ein explosives Unterhaltungsfeuerwerk und Krawallspektakel ist „Ambulance“ aber allemal. Ab 24.3. im Kino!

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(70/100)

Info: In den kommenden Tagen folgt ein Bericht von der Pressekonferenz mit Michael Bay und Jake Gyllenhaal!

Bilder: UPI