Mit „Argylle“ versucht „Kingsman“-Regisseur Matthew Vaughn, ein neues, „weibliches“ Agenten-Franchise aus dem Boden zu stampfen. Der Versuch geht ordentlich schief und ist derzeit in den Kinos und demnächst auf AppleTV+ zu sehen.
Die schüchterne Autorin Elly Conway (Bryce Dallas Howard) hat gerade ihren nächsten „Argylle“-Thriller vorgelegt: Darin versucht der gleichnamige Agent (Henry Cavill), die Welt vor allerlei Bedrohungen zu retten. Conway ist ein Star am literarischen Himmel, ihre Bücher erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch bei einem mysteriösen Zug-Mitreisenden namens Aidan (Sam Rockwell), der sich nach kurzer Zeit als realer Agent entpuppt. Er tischt Elly eine abenteuerliche Geschichte auf, wonach die in ihren Büchern erzählten Geschichten in der realen Agentenwelt stets eintreten würden. Und dass er ihre Hilfe bei der Bekämpfung der Geheimorganisation „Division“ bräuchte.
Schwuppdiwupp landet Elly in ihrem eigenen, echten Agententhriller, der nicht nur immer größere Parallelen und Berührungspunkte mit ihrem Leben aufweist, sondern auch Fragen zu ihrer Identität aufwirft: Warum weiß sie plötzlich, wie man kämpft? Steckt vielleicht mehr in ihr, als sie dachte?
Mit „Argylle“ versucht sich „Kingsman“-Regisseur Matthew Vaughn an einem weiteren Agententhriller, der der Start eines neues Franchise hätte sein sollen. 200 Millionen Dollar butterten die Produktionsstudios Universal und Apple (dort demnächst zu streamen) in den Film, der „break even point“, also jener finanzielle Wert, ab dem sich die Produktion für die Studios rechnet, liegt bei 500 Millionen an Kino-Einnahmen. Dem gegenüber stehen nach knapp einer Woche magere 35 Millionen an tatsächlichen Einnahmen. Sprich: Der nächste, riesige Kino-Blockbuster-Flop eines (zweier) Major-Studios. Und dabei völlig verdient.
Denn „Argylle“ macht so ziemlich alles falsch, was man nur falsch machen kann. Das beginnt bei banalen Dingen wie der Laufzeit: 2 Stunden 15 Minuten sind definitiv zu lang für diesen Film, der bereits nach 20 Minuten zu langweilen beginnt.
Die Fehler gehen bei der Besetzung weiter: Angepriesen wird das Werk als „Henry Cavill-Agentenfilm“, auf den Postern ist er stets ganz vorne zu sehen, was vermitteln soll, dass es sich bei ihm um den Protagonisten handelt. Man wollte wohl auch mit der Erwartung der James Bond-Fans spielen, denn dort steht Cavill als nächster 007 hoch im Kurs. Nur: Abgesehen von den ersten Minuten spielt Cavill keine Rolle in „Argylle“ – immerhin mimt er nur eine fiktive, literarische Figur.
Die eigentlichen Hauptfiguren werden von Sam Rockwell und Bryce Dallas Howard verkörpert, die ein ungleiches Agentenduo geben. Während Rockwell so etwas wie der einzige Lichtblick des Films ist, ist Howard eine glatte Fehlbesetzung. Die schüchterne Romanautorin nimmt man ihr noch ab. Die toughe Agentin zu keinem Zeitpunkt. Als „Identifikationsfigur“ für seine Töchter, die Vaughn laut eigenen Aussagen als mögliches Publikum für „Argylle“ vor Augen hatte, taugt sie nichts.
Das größte Verbrechen dieses Films ist allerdings sein Drehbuch: Man fragt sich unweigerlich, ob die Studiobosse bei Universal und Apple beim Lesen die Augen zugehabt haben, denn sonst ist kaum erklärbar, wie jemand so etwas absegnen und auch noch hunderte Millionen dafür locker machen konnte. Das Skript bemüht sich stets um eine (oder mehrere) „Meta-Ebene(n)“, möchte ein augenzwinkernder, moderner Agentenfilm-Kommentar sein, scheitert dabei aber völlig.
Zudem wartet „Argylle“ mit zig Plottwists auf, deren einziger Zweck es ist, ein Plottwist zu sein. Folglich schaden diese Brüche der Erzählung mehr, als sie ihr nutzen und stiften unnötig Verwirrung beim Publikum. Und sind darüber hinaus auch völlig unrealistisch und absurd. Dazu passt dann auch das Finale, das, aus welchen Gründen auch immer, auf einem schmierigen, mit Öl benetzten Boden und selbstgebastelten Schlittschuhen stattfinden darf, während in Pirouetten wild umher geballert wird. Bevor die beiden Protagonisten – Aidan und Elly, die sich nun Rachel Kylle (R.Kylle = Argylle … leidlich lustiges Wortspiel) nennt – zu guter Letzt durch eine mit bunten Sprühfarben verzierte Luft wirbeln dürfen, eine Tanzeinlage mimend, während der man fröhlich die Feinde um die Ecke bringt. Etwas anderes als „Warum!?“ fällt einem da beim Zuschauen auch nicht mehr ein. Und man ist froh, wenn der unfreiwillige, filmische Spuk vorbei ist und tröstet sich damit, dass es keine Fortsetzung zu diesem Desaster geben wird.
Fazit
Wer gut 2 Stunden seines Lebens vergeuden möchte, ist bei „Argylle“ genau richtig: Ein abstruser Plot, eine unpassende Tonalität, Fehlbesetzungen, in den Sand gesetzte Szenen am laufenden Band und die völlige Absenz von Humor macht den Film von Matthew Vaughn zu dem Werk des jungen Filmjahres, das man unbedingt verpassen sollte.
Wertung
(20/100)

Bilder: (c) Universal Pictures bzw. AppleTV Studios
