Schon im Vorspann von „Highest 2 Lowest“ wird erwähnt, dass dieser Film auf “Zwischen Himmel und Hölle” beruht, einem Film von Akira Kurosawa aus dem Jahr 1963. Damals ging es um einen wohlhabenden Schuhfabrikanten, dessen Sohn entführt werden soll. Die Hauptrolle übernahm seinerzeit Toshirō Mifune, ein bekannter japanischen Schauspieler, der unter anderem bereits in Kurosawas Filmen “Rashomon” (1950) und “Die Sieben Samurai” (1954) prominent mitwirkte.
von Richard Potrykus
Mit “Highest 2 Lowest” inszeniert Spike Lee nun eine Neuinterpretation des Stoffs. Er verlegt die Handlung ins New York der Gegenwart verlagert den Schwerpunkt in die afroamerikanische Musikindustrie. Dabei mimt Denzel Washington den erfolgreichen Musikproduzenten David King, dessen Label Stackin’ Hits die besten Jahre hinter sich hat. Zwar lebt King mit seiner Familie in einer Welt umfassenden Luxus’, doch droht die teure Seifenblase schon bald zu zerplatzen, denn das Label hat seit geraumer Zeit keine Hits mehr hervorgebracht.
„Highest 2 Lowest“: Spike Lees Kurosawa-Remake
Eines Tages verschwinden Kings Sohn Trey (Aubrey Joseph) und dessen Freund Kyle (Elijah Wright), Sohn von Kings Chauffeur Paul Christopher (Jeffrey Wright), und die Information geht um, Trey wäre entführt worden. Als Trey jedoch wieder zuhause ankommt, stellt sich heraus, dass der/die Entführer einen Fehler begangen und den falschen Jungen entführt haben.
Es beginnt eine Tortur rund um Lösegeld, den Verlust wirtschaftlichen Wohlstandes und die Loyalität engen Mitarbeitern und Vertrauten gegenüber, denn in dem Moment, da sich herausstellt, dass Trey wohl auf ist, schwindet in King die Motivation, den anderen Jungen -seinen Patensohn- zu retten.
Was durch „Highest 2 Lowest“ hinweg auffällt, ist der Habitus, der mit King einhergeht. Über lange Zeit fällt es daher schwer, das “lowest” des Filmtitels zu erfassen. Maßanzüge, ein luxuriöses Penthouse, horrende Geldbeträge und der Umstand, dass King nicht nur einen Chauffeur beschäftigt, sondern auf dem Rücksitz eines 2025er Rolls Royce Phantom kutschiert wird, einem Wagen, der unter 500.000 US-Dollars nicht zu bekommen ist. Es ist unfassbar, in welcher Welt sich King bewegt, und schwer vorzustellen, wie fragil diese Welt sein soll, zumal zeitgleich auch der Verkauf des Unternehmens im Raum steht und damit die finanzielle Rettung aller Beteiligten.
Man könnte versuchen, den Chauffeur als eine Art Bindeglied zur normalen Welt zu sehen oder als Kontrapunkt zum Reichtum Kings, doch fällt auch dies schwer, da es kaum Grenzen und Unterschiede zwischen King und Christopher zu geben scheint. Christopher verdient gut, man kennt einander, ist auf Du und Du. Wirtschaftliche Unterschiede sind auf hohem Niveau zu suchen, ebenso soziale Diskrepanzen, denn über die Patenschaft gehört man zur Familie.
Ein unglaubwürdiger Konflikt im Zentrum
Im Raum steht eine Lösegeldsumme von 17,5 Millionen Schweizer Franken (ca. 22 Millionen US-Dollars). Zweifelsfrei ist dieser Betrag sehr hoch, doch erscheint sie lächerlich klein, angesichts der Summen, mit denen in Hollywood-Filmen allgemein jongliert wird und der Vermögen, die in der realen Welt diesseits der Leinwände und Bildschirme existieren. So sind einzelne Zahlen zu Vermögen diverser Künstler*innen und Produzenten hinlänglich bekannt und sie alle liegen weit jenseits der im Film verhandelten 17,5 Millionen Franken. Die Konflikte, denen sich King stellen muss, wirken auf die Art konstruiert und unglaubwürdig.
An einer Stelle fordert Christopher King dazu auf, das Geld zu zahlen und verspricht, den Betrag zu ersetzen. Er betrachtet die Summe als Darlehen und selbst, wenn man berücksichtigt, dass er sich als liebender Vater aufopfernd an jeden Strohhalm klammert, scheint es so, als lägen die 17.5 Millionen Franken im Bereich des Möglichen.
Zu wenig Tiefe
Trotz der Laufzeit von 135 Minuten wirkt “Highest 2 Lowest” kurzweilig, weil immer etwas passiert. Mefahrach werden Vorzeichen gewechselt, wodurch der Film stets interessant bleibt. Leider lässt er Komplexität vermissen. Die einzelnen Kapitel erhalten zu wenig Tiefe, um eine nachhaltige Aussagekraft zu erhalten. Insgesamt macht es sich “Highest 2 Lowest” zu einfach, um von A nach B zu gelangen.
Spike Lees Remake von “Zwischen Himmel und Hölle” ist zu einseitig und geradezu konservativ. Zwar lässt King erkennen, wie sehr er an seinem Label hinge und dass er bei einem Verkauf Angst hätte, Stackin’ Hits könnte an Integrität und Seele verlieren. Auf der anderen Seite hat sich das Label längst eingegliedert in die Masse derer, für die der kontinuierliche Geldfluss wichtiger ist als das künstlerische Phänomen und der frische Wind.
Über weite Strecken hat Spike Lees Film nicht die Identität, die man von seinen Filmen gewohnt ist. Der Afroamerikaner King, der sich hochgearbeitet hat, der es über sein Gespür und seine kulturelle Identität dorthin geschafft hat, wohin sonst nur Weiße kommen, ist zu einer farblosen Hülle verkommen, die nur noch aus Zahlen besteht und müde ist.
Kurosawas Film handelte vom moralischen Dilemma, den eigenen Wohlstand und das Leben eines (fremden) Menschen gegeneinander abwägen zu müssen. Bei Lees Version kommt dieses Dilemma nie ganz durch. Stattdessen rückt hier eine Ablehnung Kings in den Vordergrund, allgemein Geld hergeben zu wollen, und so beklagt er an einer Stelle: “Alle wollen, dass ich bezahle”, womit nicht allein die Entführung thematisiert wird. Die Investoren wollen ihren Profit, die Ehefrau will eine Summe für eine Spende und nun mischt sich noch ein Entführer ein. Statt eines Dilemmas thematisiert Lee einen starrköpfigen reichen Mann, der über Jahre hinweg Arbeit und Lebenszeit investiert hat, um dort hinzukommen, wo er nun ist, und es nicht einsieht, wenn Dritte von ihm verlangen, sein Vermögen zu teilen.
Fehlender Realitätsbezug
Das Problem daran ist, dass der Bezug zur Realität und zur Gefahr eines echten Falles in “Highest 2 Lowest” nahezu komplett fehlt. Der Film versucht, auf zwei Hochzeiten zu tanzen und verirrt sich dabei. Die Momente, in denen es um schwarze Kultur und Konflikte geht, sind rar gesät und allzu oberflächlich.
Da wird der Ebony Alert erwähnt, ein Warnsystem für schwarze Menschen, und dass dieses noch nicht flächendeckend und per Gesetz eingesetzt wird. Da wird als popkulturelles Idol Marvels Black Panther erwähnt und es gibt den weißen Polizisten, der nur wenig Empathie und Eifer an den Tag zu legen scheint. Lee macht aus all diesen Elementen Momentaufnahmen und lässt sie dann klanglos verpuffen. Statt aus ihnen echte Elemente für die Community zu machen und als Motive in den Film zu integrieren, erzählt er zahm und konservativ von irgendwelchem Bling Bling und der Sorge, nicht länger vermögend zu sein, doch, wie gesagt, erscheint der soziale Abstieg nie als ernstzunehmende Gefahr am filmischen Horizont. Schließlich kommt es zum Finale und zu fadenscheinigen Motivationen, die nur deswegen Ursprung allen Übels werden konnten, weil King abgestumpft und blind geworden war.
Fazit
“Highest 2 Lowest” ist bei weitem nicht Spike Lees bester Film und in die Fußstapfen eines Kurosawa passt er damit auch nicht. Das moralische Dilemma, dem sich die Hauptfigur gegenübersieht, wirkt einfach nicht real. Dennoch kann man sich den Film anschauen. Er hat gute Musik, eine solide Kameraarbeit – und Denzel Washington. Hätte Lee jedoch versucht, eine Handlung zu entwerfen, in der die Figuren daran arbeiten, die Handlung zu verhindern, von der in “Highest 2 Lowest” die Rede ist, hätte er einen besseren Film gedreht, der genau dort ansetzt, wo die Handlung endet.
Bewertung
(61/100)
„Highest 2 Lowest“ – seit 5.9.2025 auf AppleTV+
„Highest 2 Lowest“ – Trailer
Bild: (c) Apple Studios / AppleTV+ – A24
