„Miroirs No. 3“ ist der dritte Film in Christian Petzolds Elementar-Trilogie nach „Undine“ und „Roter Himmel“, oder vielleicht ist es auch die Trilogie zur deutschen Romantik? Es scheint nicht so, als ob eine allzu kohärente Idee hinter dieser Trilogie steckt – gibt es nicht vier Elemente? Dass „Miroirs No. 3“ der dritte Teil geworden ist, stellte sich auch erst während den Dreharbeiten heraus, als Schauspielerin Barbara Auer darauf verwies, wie windig es doch am Drehort sei, und schon war das dritte Element Luft gefunden.

Was Petzolds Filme verbindet: In allen drei, die zwar an mehreren Orten gedreht wurden, aber trotzdem durch die inhaltliche und ästhetische Verdichtung mehr einem Kammerspiel gleichen, wandert Schauspielerin Paula Beer geisterhaft durch den minimalistischen Plot. „Miroirs No. 3“ ist nun nach dem Kinostart in Deutschland im September 2025 auch in den österreichischen Kinos zu sehen.

von Pascal Ehrlich

In einem prologähnlichen Anfang steht Laura (Paula Beer) an einem Fluss und eine schwarzgekleidete Person auf einem SUP (Stand-up-Paddle-Board) zieht still an ihr vorbei. Die ganze Szene hat etwas Skurriles und gleichzeitig Makabres. Handelt es sich hierbei um Charon – den Fährmann der Toten aus der griechischen Mythologie?

„Miroirs No. 3“ (2025) beginnt mit einem Ende

Es scheint so, denn kurze Zeit später stirbt Lauras Freund bei einem Autounfall, sie, die ebenfalls im Auto ist, bleibt beinahe unverletzt. Die beiden haben vor mit einem befreundeten Paar zu verreisen, doch im letzten Moment hat es sich Laura anders überlegt. Die beiden sich gerade auf dem Weg zum Bahnhof, als das Auto verunglückt. Das alles passiert in den ersten 10 Minuten von „Miroirs No. 3“ – am Anfang gleich ein Ende.

Der Film ist plottechnisch auf seine Essenz heruntergebrochen – Laura wird von Betty gefunden und zieht dann direkt ins Haus der fremden Frau ein. Betty scheint das nicht zu stören, im Gegenteil sie wirkt glücklicher und zufriedener in der Gesellschaft von Laura, die von ihr auch mütterlich gehegt und gepflegt wird.

Wenig später trifft Laura auch Bettys Ehemann Richard (Matthias Brandt) und ihren Sohn Max (Enno Trebs), die gemeinsam in einer Autowerkstatt arbeiten. Doch beim ersten gemeinsamen Abendessen offenbart sich schon ein Unbehagen. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. „Miroirs No. 3“ macht jedoch kein Geheimnis daraus. Es ist eindeutig, worauf es schlussendlich hinauslaufen wird: Laura wird von Betty als Ersatz für ein verstorbenes Familienmitglied benutzt.

Unbehagen als Motiv: „Miroirs No. 3“ (2025) zwischen Genre- und Horrorfilm

Im Grunde genommen ist „Miroirs No. 3“ ein „kleiner“ Genrefilm – irgendwo zwischen Stephen King, Jacques Tourneur und Alfred Hitchcock verortet („Rebecca“ ist auch einer der Inspirationen gewesen). Es ist ein in sich geschlossener Konzeptfilm, der mit einer Idee arbeitet und diese dermaßen abstrahiert, dass jegliche Konvention ausgestellt ist und nur noch auf sich selbst verweisen kann.

Genauso verhält es sich mit der Sprache. Die Dialoge in „Miroirs No. 3“ sind spröde, gestelzt und stoßen das Publikum in ihrer Künstlichkeit vor den Kopf. Sprache funktioniert nicht mehr als Kommunikationsmittel, sondern wird auf sich selbst zurückgeworfen. Sie wird zu etwas Geisterhaftem, welches uns stets entwischt – denn wie bei einem Geist, durch den man glaubt, vermeintlich hindurchschauen zu können, verbirgt sich hinter der Transparenz der klischeehaften Dialoge etwas Undurchsichtiges, das dem Publikum bis zum Schluss verborgen bleibt. In der Sprache versteckt sich das Unsagbare. Es ist ein Unbehagen, das „Miroirs No. 3“ auch zu einem Horrorfilm werden lässt.

miroirs no 3 2025

Laura ist die Wiedergängerin (Revenant): In ihrem eigenen Leben fristet sie ein gespensterhaftes Dasein, in den kurzen Szenen mit ihrem Freund, vor dem Autounfall, beinahe unsichtbar, sobald sie jedoch den Platz der tatsächlichen Toten, Jelena (Bettys und Richards Tochter), übernimmt, erwacht sie wieder zum Leben. „Miroirs No. 3“ erzählt von Geistern, die um ihr Leben kämpfen. Doch die Arbeit der Trauerbewältigung besitzt etwas Schauriges.

Die tote Tochter durch Laura wieder zum Leben zu erwecken, lässt sich im modernen Jargon als toxische Projektion definieren. Allen, inklusive dem Publikum, ist bewusst, dass das nicht funktionieren kann, ja vielleicht sogar nicht funktionieren sollte. Das Unangenehme entsteht auch dadurch, dass sich alle auf die Situation geeinigt zu haben scheinen. Richard, der anfangs noch skeptisch ist, lässt sich immer mehr auf die Illusion ein und auch Laura, die zwar noch nichts von Jelena weiß, scheint sich nicht darüber zu wundern, weshalb sie von dieser fremden Frau so herzlich aufgenommen worden ist. Errettung um jeden Preis lautet die Devise. Und Errettung ist den Figuren auch gegönnt!

Fazit

„Miroirs No. 3“ kommt als kleines Nebenwerk in Petzolds Filmografie daher – ein Handwerksstück des Auteurs, welches man leichtfertig als Fingerübung abtun könnte, aber auf keinen Fall sollte.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(82/100)

„Miroirs No. 3“ – Seit 7.11.2025 in den österreichischen Kinos, bereits seit September in den deutschen. Davor zu sehen bei diversen Festivals (u.a. Cannes, Viennale). Weitere Infos

„Miroirs No. 3“ (2025) – Trailer

Bilder: (c) Stadtkino Filmverleih