Ein Klassiker des Horrorgenres bekommt eine Neuverfilmung: Der König der Monsterfilme Guillermo del Toro widmet sich Mary Shelleys „Frankenstein“ und adaptiert die Geschichte des verrückten Wissenschaftlers und seiner Kreatur für Netflix. Einen besseren Regisseur könnten sich Fans kaum wünschen, doch kann del Toro dem Stoff wirklich gerecht werden? Alles dazu in unserer Kritik.

von Natascha Jurácsik

Victor (Oscar Isaac) widmet sich dem Tod, nachdem seine Mutter stirbt – genauer gesagt, der Bezwingung des Todes. Der reiche Waffenhändler Henrich Harlander (Christoph Waltz) teilt diese Obsession und ermöglicht es dem Wissenschaftler, seine wahnsinnigen Experimente in Ruhe und Abgeschiedenheit durchzuführen. Bis es ihm tatsächlich gelingt, eine aus verschiedenen Menschenteilen zusammengeflickte Leiche zu beleben.

Doch schnell muss Victor im Angesicht seiner eigenen Hybris begreifen, dass zum Leben mehr gehört als nur ein Herzschlag und dass seine Kreatur (Jacob Elordi), die er aus Furcht zu verstoßen versucht, alles andere als dankbar für ihr neues Dasein ist.

„Frankenstein“ ist del Toros originelle Vision eines Klassikers

Optisch ist „Frankenstein“ ganz klar als ein del Toro-Projekt erkennbar: Die neblige, düstere Atmosphäre wird durchbrochen von pulsierenden Farbdetails in grün, rot und blau. Das Ergebnis ist eine Ästhetik, die einer verwesenden Leiche mit Herzschlag ähnelt – überaus passend also. Del Toro verpackt Shelleys Geschichte in seinen ganz eigenen Stil und verbindet beides zu einer originellen Vision, die scheinbar anders gar nicht funktionieren könnte.

Die einzigen Mängel findet man in einer Handvoll Szenen, die von sehr amateurhaftem CGI dominiert werden; zwar lassen sich diese kurzen Fauxpas angesichts der restlichen Szenerie schnell vergessen, aber dennoch stufen sie die Qualität des Films herunter.

Frankenstein 2025 film Oscar Isaac
Oscar Isaac in „Frankenstein“

Dafür sind die Kostüme und praktischen Effekte umso eindrucksvoller. Vergleichbar mit früheren del Toro-Werken, wie beispielsweise „Crimson Peak“, dominieren auffallende Silhouetten und hervorstechende Details, die den Persönlichkeiten der Figuren einen visuellen Anker verleihen.

Doch das wahre Highlight sind – wie oft bei del Toros Filmen – die Makeup-Effekte: Besonders das Design der Kreatur ist überaus gelungen, für das sich der Regisseur von Bernie Wrightsons Graphic Novel „Frankenstein“ inspirieren ließ. Auch die Szenen in Frankensteins Labor, wo er seine Experimente durchführt, schrecken nicht vor unappetitlichem Gemetzel zurück, wobei del Toro es trotzdem schafft, sezierte Leichen auf eine groteske Art schön darzustellen.

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Fantastische Neuinterpretation als Shakespeare-Tragödie

Die Handlung von „Frankenstein“ nimmt zwar einen etwas zu abrupten Start, indem sie sich kopfüber in Action stürzt, obwohl eine langsamere, nachwirkende Einführung tonal etwas besser gepasst hätte. Sie überspielt diese Schwäche allerdings mit einer fantastischen Neuinterpretation des Ursprungsstoffes, wobei auch die beachtliche Länge von 2,5 Stunden passend ist.

Del Toro fängt die Essenz des Originals hervorragend ein und transformiert dabei eine Gothic Horror-Story in eine Shakespeare’sche Tragödie. Hierfür setzt er den Fokus weniger auf den Science-Fiction-Aspekt der Geschichte, wie viele andere Verfilmungen, sondern eher auf die Beziehung zwischen Victor und der Kreatur, die auf eine Vater-Sohn-Dynamik herausläuft und durch biblische Anspielungen auf eine metaphysische Ebene gehoben wird.

Obwohl „Frankenstein“, ganz im gewohnten Sinne des Regisseurs, die meiste Empathie für die monströse Kreatur bereithält, verfällt er dabei nicht in einen simplen Diskurs von Gut-gegen-Böse. Victor selbst ist ein überaus komplexer Charakter, der weniger einem psychopathischen Wissenschaftler und mehr einem Protagonisten eines Sturm-und-Drang-Romans ähnelt.

Victor Frankenstein, kein Monster

Durch clevere Details wird verdeutlicht, dass Victors Obsession durch das traumatische Ende seiner Mutter stets dem Tod selbst gilt, nicht aber den Toten, was in den Händen von del Toro zu einer wichtigen Unterscheidung wird, wenn man Victors Taten nachvollziehen will. Gleichzeitig erfährt er auch durch seine prägende Kindheit keine moralische Absolution, auch wenn sie als besonders einflussreich gilt.

Somit ist dieser Victor Frankenstein weder Held noch Anti-Held, sondern ein kompliziertes Individuum, dessen Fehler nicht nur auf reine Selbstüberschätzung zurückzuführen sind, und dennoch durch keine Reue ausradiert werden können. Oscar Isaac spielt dieses multidimensionale Gebilde aus Eigenschaften mit einer manischen Energie, die sowohl Victors Stärken als auch seine Schwächen sehr gut verkörpern und wirkt in jeder Szene elektrisierend.

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Frankenstein 2025 Christoph Waltz
Auch Christoph Waltz ist dabei…

Sein Gegenstück, Frankensteins Monster, gespielt von Jacob Elordi, ist daneben nicht weniger faszinierend und bietet als Zweitprotagonist ein perfektes Pendant zum Titelhelden. Glücklicherweise entschied sich del Toro, den Fußstapfen der popkulturellen Darstellungen des Monsters nicht zu folgen und orientiert sich für die Dialoge viel mehr am literarischen Original. Das Publikum begleitet die Kreatur auf ihrem Weg von einem unbeholfenen, verängstigten Kind hin zu einem Wesen, gefangen zwischen Leben und Tod, das schwer unter seiner eigenen Einsamkeit leidet.

Elordis Performance ist dabei großartig: Von seiner körperlichen Darstellung bis hin zu seiner Stimme beweist das junge Nachwuchstalent, dass er ein überaus erstzunehmender Schauspieler ist. Als Kreatur bewegt er sich gekonnt zwischen Weltschmerz und blinder Rage hin und her, wobei er beinah sämtliche Marker einer klassischen tragischen Figur erfüllt und den Zuschauer emotional mitreißt. Zusammen mit del Toros Dialog ist die Kreatur zweifelsohne eine der überzeugendsten Filmfiguren der letzten Jahre.

Fazit

Gothic-Horror wird zur Shakespeare‘schen Tragödie – Guillermo del Toro steigt durch einen der bekanntesten Stoffe der Weltliteratur zu alter Größe empor und liefert eine der bewegendsten Interpretationen des Frankenstein-Stoffes. Trotz einzelner Schwächen machen die Dialoge, die Darsteller und del Toros einzigartige Vision „Frankenstein“ zu einem vollen Erfolg.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(86/100)

„Frankenstein“ – seit 7.11.2025 auf Netflix.

„Frankenstein“ (2025) – Filmdaten

TitelFrankenstein
Veröffentlichungsdatum7.11.2025 (Netflix)
GenreScience-Fiction, Drama
RegisseurGuillermo del Toro
Darsteller/innenOscar Isaac, Jacob Elordi, Christoph Waltz u.a.
Bewertung9/10 (Film plus Kritik)
IMDb7,6
Rotten Tomatoes86 % (Stand 11.11.2025)

„Frankenstein“ (2025) – Trailer

Bilder: (c) Netflix