Als „Joker“ 2019 in die Kinos kam, war die Welt begeistert: Publikum und Kritik erfreuten sich an dem außer sich geratenen Anarcho-Clown, der die Welt brennen lassen wollte, womit Regisseur Todd Phillips einen Nerv der Zeit traf. Schon damals wurde die Welt als krisenhaft wahrgenommen, ein realer Clown im Weißen Haus war sichtbarer Ausdruck der Ver(w)irrung der Menschheit. 5 Jahre später stieß die Fortsetzung „Joker: Folie à Deux“ einen großen Teil des Publikums vor den Kopf, weil der Film seinen eigenen Mythos dekonstruierte. Ab 18.4.2026 ist der verkannte Geniestreich nun auf Netflix zu sehen.

Kritik von Christian Klosz

2026 sehen die Dinge nicht besser aus, sondern eher schlechter: Eine Pandemie und ihre Folgen, die Klimakrise, Inflation und sinnlose Kriege haben die Welt in die Agonie und Apathie gestürzt, und im Weißen Haus wütet erneut – noch viel verrückter als 2019 – Horror-Clown Donald Trump. Was würde Joker tun?

„Joker: Folie à Deux“ dekonstruiert den eigenen Mythos

Wer nun erwartet hat, dass der grimassenschneidende Clown, erneut überzeugend verkörpert von Joaquin Phoenix, in „Joker: Folie à Deux“ die zumindest im Film real gewordene Comic-Welt in die Luft jagt, irrt. Vielmehr stellt die Fortsetzung die Frage, wie eine Gesellschaft mit dem Wahnsinn einzelner umgehen soll. Was „Wahnsinn“ überhaupt ist, was Verantwortung und Schuld bedeutet. Und was es heißt, falsche Vorbilder zu verehren.

Das, was viele Fans des ersten „Joker“ daran wohl am meisten irritieren dürfte ist die Tatsache, dass „Folie à Deux“ keine Antworten gibt. Den ersten Teil konnte man noch – bei aller Ambivalenz – als Abfeierung eines Anti-Helden lesen, eines Anarchisten, der genug davon hat, immer der Kürzeren zu ziehen, ständig erniedrigt zu werden, keine Chance zu bekommen. Der sich zwar in Wahnvorstellungen flüchtet, aber in seiner Kritik an der Gesellschaft, die ihn zu dem gemacht habe, doch irgendwie einen Punkt hatte. Nicht von ungefähr konstruierte Phillips seine Figur auf Grundlage der Scorsese-Charaktere Travis Bickle aus „Taxi Driver“ und Rupert Pupkin aus „King of Comedy“, zweier klassischer Anti-Helden-Figuren der Filmgeschichte

In „Joker 2“ sitzt der Joker alias Arthur Fleck seit 2 Jahren im Gefängnis für psychisch gestörte Straftäter. Während er auf seinen Prozess wartet, hat „die Welt da draußen“ aus ihm eine Ikone geschaffen, der Joker wird als Held gefeiert, sogar ein Film wurde über ihn gedreht. Doch ebenso wie die Joker-Fans im Film die (Selbst-)Entzauberung ihres Idols mitverfolgen müssen, geht es vermutlich auch vielen Verehrern von „Joker“ aus 2019 bei der Sichtung des Nachfolgers: Der Film ist ein Schlag ins Gesicht, das Vorbild wird nicht weiter aufgebaut, sondern hinterfragt und dekonstruiert, was einen Gutteil der enttäuschten Reaktionen erklären dürfte.

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Verblendung und Entzauberung

Insgesamt lässt sich „Joker: Folie à Deux“ schwer einordnen. Der Film ist eine Mischung aus Psycho-Drama, Gerichtsthriller, Charakterstudie und Musical. Für Letzteres hat man Lady Gaga verpflichtet, die Harley Quinn spielen darf, eine von Jokers größten Fans, die alles tun würde (und tut), um ihrem Idol nahe zu sein. Als sie aber erkennen muss, dass auch Joker nur Arthur Fleck, also ein Mensch ist, wendet sie sich von ihm ab. Sie hatte sich eine gemeinsame Zukunft im geteilten Wahnsinn (darauf verweist übrigens der ungewöhnliche Titel „Folie à Deux“) ausgemalt. Als Fleck sich im Gericht selbst verteidigt, seine Taten gesteht, hinterfragt, bricht ihre irre Fantasie in sich zusammen.

Ob nun die „Musical-Nummern“ wirklich nötig waren, bleibt dahingestellt. Sie repräsentieren eine Fantasiewelt, die sich Quinn und Fleck in ihrer Vorstellung bauen: Statt Gewaltphantasien der Traum von der Liebe, vom gemeinsamen Leben, fast bieder – aber doch immer wieder von Gewalt durchbrochen. Nicht mal in der Fantasie kann Arthur seinen Frieden finden. Lady Gagas Rolle bleibt dann auch beschränkt auf die Gesangseinlagen und auf die Rolle der verblendeten Verehrerin des Jokers, die die Fassade (ebendieser) der komplexeren Wirklichkeit (Fleck) vorzieht.

joker folie a deux

Offene Interpretation, keine Katharsis

Schwer tut man sich mit einer Interpretation von „Joker: Folie à Deux“: Offensichtlich ist, dass Phillips Erwartungen unterlaufen wollte. Der Film bezieht sich eher auf den Vorgänger und auf sich selbst, als auf reale Vorbilder, wobei die Frage, wie man als Gesellschaft mit „Wahnsinn“ umgeht, natürlich universelle Gültigkeit hat. Der Film verweigert aber klare, eindeutige Aussagen, nimmt auch nicht direkt Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen, wirkt aus der Zeit gefallen und zugleich zeitlos.

Am Ende gibt es keine Auflösung, keine Lösung, keine Erlösung, der finale, subversive Gag von Phillips gegen sein Publikum: Anti-Helden haben immer die Funktion, dunkle, verdrängte Anteile der Gesellschaft sichtbar zu machen, auch um sie als Individuum und Gemeinschaft fiktiv ausleben zu können. Das tun, was man nicht darf, aber manchmal vielleicht gern tun würde.

„Joker: Folie à Deux“ entzieht dem Publikum diese Sublimierungsmöglichkeit, indem er seiner Hauptfigur das Sublimierungspotenzial entzieht. Keine eruptive Gewalt, keine Katharsis, der vermeintliche Retter möglicherweise nur ein „armer Irrer“, ein Mensch wie du und ich? Der Film ist ein einziges schwarzes Loch, da Phillips selbst den Nihilismus negiert. Alles ist Leid. Ohne Ausweg. Und damit könnte „Folie à Deux“ dann doch wieder einen Nerv der Zeit getroffen haben, bei jenen, die sich darauf einlassen wollen.

Fazit

Langsam, zäh, sperrig präsentiert sich „Joker: Folie à Deux“ und unterläuft damit bewusst die Erwartungshaltung des Publikums. Doch eine überzeugende Leistung von Joaquin Phoenix, eine kunstvoll gestaltete Mise-en-scène, ein toller Soundtrack und interessante Ansätze zur Entmystifizierung eines fragwürdigen Helden machen den Film trotzdem zu einer zwar herausfordernden und schwer verdaulichen, aber sehenswerten Angelegenheit.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(76/100)

„Joker: Folie à Deux“: Ab 18.4.2026 auf Netflix zu sehen.

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