Wer kennt es nicht: Man scrollt auf Netflix (oder einem anderen Streaminganbieter) ewig lang durchs schier endlose Angebot, bis es plötzlich so spät ist, dass man erst recht nichts gesehen hat. Dietrich Brüggemann hat in seinem Micro-Budget-Film „Home Entertainment“ genau jene Odyssee des modernen Alltags verfilmt. Ab dem 21. Mai 2026 ist die deutsche Komödie in einigen Kinos zu sehen. Dabei scheitert sie jedoch gar nicht am beschränkten finanziellen Rahmen, sondern ganz grundsätzlich.

Kritik von Jonas Schilberg

„Home Entertainment“ befasst sich mit moderner Kommunikation

Florian (Joseph Bundschuh) sitzt im Auto, telefoniert mit seiner Partnerin Marie (Nadine Dubois), die gerade für einen gemeinsamen Abend mit Freunden einkauft. Die Verbindung knirscht. Also werden stattdessen Sprachnachrichten versendet. Florian nimmt auf, verwirft sie, nimmt eine neue auf, schreibt letztlich doch nur eine Chatnachricht. Die moderne Kommunikation und ihre Möglichkeiten und Herausforderungen eben – das Thema der folgenden anderthalb Stunden ist gesetzt.

Gekocht wird schließlich nicht; Julia, die Freundin, sagt ab, sich mehrfach entschuldigend. So hat sich immerhin die zuvor entfachte Diskussion, ob Schweinefleisch in Ordnung geht, erledigt. Florian und Marie bestellen stattdessen daheim Essen – Filmabend lautet der neue Plan. Aber welches Essen, wo bestellen? Sind 4,2 Sterne nicht zu wenig? Wo gebe ich meinen Gutscheincode ein? Nur mühsam findet sich etwas. Nachdem die Fernbedienung ihr Softwareupdate durchgeführt hat, kann endlich ein Film ausgesucht werden. Wäre nur der Katalog nicht überfordernd groß…

Der Film will Kultur des Überangebots vorführen

Interessant an „Home Entertainment“ ist der Kontrast von Form und Inhalt: Wird der Film selbst dezidiert klein inszeniert, mit nur zwei Hauptdarstellern, größtenteils als Kammerspiel, kaum Filmmusik oder aufwendige Kameraeinstellungen, ist er inhaltlich am exakten Gegenteil interessiert – am Übermaß. Sei es beim Essenslieferservice oder Streamingservice, die spätkapitalistische Transformation erzeugt überall ein überforderndes Überangebot. „Ich will einfach nur ‘nen Film gucken!“, ruft Florian an einer Stelle entnervt. Dies scheint heutzutage eine schwierige Sache geworden zu sein.

Von „Das Leben ist ein Croissant“ bis „Summer of Something“ werden Dutzende Filme durchstöbert, vertraut klingende Beschreibungen vorgelesen. Alles Filme, die genauso existieren könnten – aber es nicht tun. Dadurch versucht „Home Entertainment“, die gegenwärtigen Schablonen, denen die allermeisten Filme folgen, bloßzustellen, zu dekonstruieren. Er ist nur kurz davor entfernt, zu fragen: Ist das noch Film(kunst) oder bloßer Konsum? Von hier wäre es wiederum nur ein Katzensprung zu Adornos Kulturindustrie gewesen – die These, dass der Film zur Fließband-Ware verkomme.

Film(kunst) oder Konsum? Adorno lässt grüßen

Aber der Konjunktiv ist bewusst gewählt. So interessant, wie das nun vielleicht klang, ist „Home Entertainment“ leider ganz und gar nicht. Träge und plakativ wirkt es vielmehr, wie die Filmtitel heruntergerattert werden. Eingeschobene Diskussionen, ob Gutscheincodes eher eine Metapher für weibliche oder männliche Potenz seien, wirken höchst artifiziell und zu bemüht. Das Schauspiel beider Protagonisten will unbedingt den Alltag durchschnittlicher Menschen adäquat porträtieren, wirkt jedoch vor allem hölzern.

home entertainment film 2026

Ja, die Grundidee hat etwas: Scrollen, stöbern, nichts finden in einer viel zu großen Auswahl, von der Endlosigkeit der Optionen erdrückt werden. Wirkt sogar zeitgeistig – vergleichen wir es mit Sozialen Medien, wo nur noch gescrollt und gestöbert wird, der Aspekt, etwas zu „finden“, meist gänzlich verschwunden ist, wo also vor allem irgendetwas betäubt wird. Hier ist es vielleicht die Beziehung, die eine Betäubung braucht; sie scheint ihre Probleme zu haben, Kommunikation eine Herausforderung zu sein. Allerdings ist diese Grundidee ungefähr so schnell erzählt, wie das Tippen dieses Absatzes gedauert hat.

„Home Entertainment“ verschenkt zu viele Ansätze

Brüggemann, der auch das Drehbuch verantwortet, bemerkt dies offensichtlich selbst. Denn es geht plötzlich auch darum, dass beim Smartphone die Bestellung von Essen nur eine App vom Betrügen des Partners entfernt ist. „Chronically online“ ist diese unsrige Gesellschaft scheinbar – der Aspekt wird jedoch abermals völlig unbeholfen eingebettet.

So wirkt es kalt und sprunghaft, von Humor fehlt ohnehin jede Spur, hätte es doch eigentlich so viel humoristisches Potenzial bei diesem Sujet gegeben. Kommen Diskurse um Veganismus und den ökologischen Fußabdruck eines zukünftigen Babys auf, erscheint all dies zudem überhaupt nicht mehr zeitgeistig, fand es vorrangig vor zehn Jahren auf Twitter statt.

So wird es unfreiwillig anachronistisch. Der Versuch, die verheißungsvolle Ausgangssituation mit einigen unfertigen Fragmenten zu einer Konsumkritik zu synthetisieren, schlägt fehl, weil der Film zu oberflächlich bleibt, zu unausgegoren. Die unbeabsichtigte Komik liegt hauptsächlich darin, dass „Home Entertainment“ auf einer Metaebene beweist, dass so häufig in all dem, was wir konsumieren, nicht drinnensteckt, was draufsteht – „entertaining“ ist dieser Film schließlich mitnichten.

Fazit

Dietrich Brüggemann hat mit „Home Entertainment“ eine interessante Prämisse, die er nicht verwandelt. Die schauspielerischen Leistungen sollte man lieber mit Schweigen übergehen, während der Film weder Tiefe noch Gespür beweist. Beim Abspann bestätigt sich zweierlei: Anderthalb Stunden können sehr lang sein. Und manche Ideen sollten lieber noch etwas in der Schreibtischschublade reifen.

Bewertung

Bewertung: 3 von 10.

(31/100)

„Home Entertainment“ startet am 21.5.2026 in den (deutschen) Kinos.

Bilder: (c) Zorro Medien