Die burgenländische Kleinstadt Pinkafeld stand 2016 urplötzlich im Blickpunkt der Medien. Der Grund ist in ganz Österreich bekannt: es ist der Heimatort von Norbert Hofer, der damals als freiheitlicher Kandidat bei der Bundespräsidentschaftswahl antrat. In Pinkafeld wählten über 70% der Pinkafelder den Rechtspopulisten, obwohl die Gemeinde eigentlich mehrheitlich sozialdemokratisch geprägt ist. Regisseurin Elke Groen fragt in „Der schönste Platz auf Erden“ danach, wer diese Menschen eigentlich sind und was sie bewegt. Der Film hätte der Eröffnungsfilm der Diagonale 2020 sein sollen, die Corona-bedingt abgesagt wurde, und startet nun am 11.9. regulär in den Kinos.

von Paul Kunz

Es ist also die Pinkafelder Bevölkerung, und keineswegs Norbert Hofer, die im Zentrum des Filmes steht. Über drei Jahre hinweg, von 2016 bis 2019, begab sich Groen immer wieder in die 6000 Seelen-Gemeinde, um eine Reihe von Protagonisten zu ihrem Alltag und den aktuellen politischen Geschehnissen zu befragen – zu ihren Ansichten, Wünschen und Sorgen. Und diese drei Jahre sind politisch ein denkbar turbulenter Zeitraum, der die Bildung der türkisblauen Regierung unter Sebastian Kurz im Jahr 2017 genauso umfasst, wie dessen Auflösung nach dem Ibizaskandal von 2019.

Groen besucht unter anderem eine Landwirtin, die Verständnis für die Sorgen der FPÖ-Wähler zeigt und polemische Äußerungen ihnen gegenüber kritisiert. Ein Highlight des Films sind ihre wohlüberlegten Ausführungen über die „Rolle der Frau“ und die eigenen Zukunftsängste: „Der Mann geht irgendwann in Pension. Die Frau nicht, weil den Haushalt hast du immer.“ Dann gibt es den kultigen „DJ Hansi“, der einen Club in Pinkafeld besitzt und romische Wurzeln hat. Er spricht von Diskriminierungserfahrungen aus der Jugend, davon, dass er der erste Rom in der Gegend mit Matura war und reflektiert die Fremdenfeindlichkeit der heutigen Zeit, die sich von Bevölkerungsgruppen wie seiner eigenen auf „Migranten“ verlagert hat, weshalb er heute kaum noch Probleme hat. Groen besucht außerdem eine syrische Flüchtlingsfamilie, deren Mitglieder sich einerseits sehr dankbar über ihre Wohnsituation in Pinkafeld zeigen, aber auch von den Schwierigkeiten erzählen, mit denen sie sich in Österreich konfrontiert sehen.

Bei sämtlichen Gesprächen lässt Groen ihre Gesprächspartner ausführlich erzählen, hält sich im Hintergrund und meldet sich nur selten selbst zu Wort. Sie scheut aber trotzdem nicht davor zurück, auch kritisch nachzuhaken, wenn es die Situation verlangt: „Glaubst du wirklich, dass ein Ministerium in Österreich Zahlen manipuliert?“, fragt sie einen älteren Herren, der an den offiziellen Zahlen zu den Asylanträgen zweifelt. Doch die Protagonisten werden zu keiner Zeit zur Schau gestellt oder für ihre Aussagen verurteilt: Groen zeigt die Menschen als komplexe Individuen mit ernstzunehmenden Wünschen und Ängsten und fordert uns somit dazu auf, das Schubladendenken abzulegen.

Fazit

Elke Groen hat in ihren Beobachtungen ausgehend vom Mikrokosmos Pinkafeld ein höchst spannendes Stück österreichischer Zeitgeschichte eingefangen. Das Endprodukt ist ein äußerst menschlicher Dokumentarfilm, der die politische Kluft zwischen Links und Rechts in Österreich zu überbrücken versucht und somit wertvolle Denkanstöße gibt.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

Bilder: Elke Groen / © Golden Girls Film