Einige mögen es mitbekommen haben: Unsere Kritik zum Netflix-Skandalfilm (oder eher: skandalisierten Film) „Cuties“ hat hitzigste Debatten in Sozialen Medien hervorgerufen, die sogar in der Einladung unseres Autors zu einem Skype-„Streitgespräch“ gipfelte. Stein des Anstoßes: Die „sexualisierte“ Darstellung von Kindern/Jugendlichen (Mädchen) und eine missglückte (oder mit Anlauf provokante?) Marketingstrategie von Netflix, die den wahren Gehalt des Films in keinster Weise widerspiegelt.

Hinter der Erregung und Aufregung stehen vor allem zwei Motive, aus zwei zumindest auf den ersten Blick denkbar unterschiedlichen (ideologischen) Richtungen: Aus der metoo-Ecke lautete die Kritik, der Akt der sexualisierten Darstellung von jungen Mädchen wäre ein Übergriff an sich (dass die weibliche Regisseurin dies als „hyperbolisches“ Stilmittel einsetzt und hier vor allem ihre eigenen Erfahrungen verfilmt, wird ignoriert), die (christlich oder islamisch) konservative Ecke stieß sich am cineastischen/voyeuristischen „Vergehen“ an unschuldigen Wesen (Kindern), deren Reinheit durch nichts und niemanden angetastet werden darf.

von Christian Klosz

Warum ist das nun relevant? Weil Regisseurin Kathrin Gebbe mit ihrer bemerkenswerten Regiearbeit „Pelikanblut“ genau dieses Tabu bricht, nämlich dass Kinder (Mädchen) unschuldige, geradezu engelsgleiche Wesen wären, unantastbar und erhaben, höchstens als willfährige Opfer denkbar: Denn der Film handelt von einem psychopathischen Mädchen von gerade 5 Jahren, die den Hannibal Lecters und Norman Bates dieser Filmwelt ordentliche Konkurrenz macht.

Die alleinstehende Wiebke (Nina Hoss), beseelt von einem ausgeprägten Weltverbesserungssyndrom, adoptiert ebenjene Raya aus einem Waisenheim im (östlichen?) Ausland. Doch was mit ihrer ersten Adoptivtochter Niki wunderbar funktioniert, klappt mit Raya gar nicht: Die Kleine, deren Verhalten nicht anders als schwer gestört zu bezeichnen ist, stellt die Mutter und ihr Umfeld auf eine harte Probe. Hilfsangebote und Warnungen von Bekannten, Professionalisten und ihrem Verehrer schlägt Wiebke aus und verrennt sich immer mehr in ihre Überzeugung, dem offenbar schwer traumatisierten Kind um jeden Preis helfen zu müssen – ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen.

„Pelikanblut“, zweifelsohne ein Highlight des heurigen Slash-Festival-Programms, demnächst in Deutschland im Kino und ab Oktober auch regulär in Österreich, ist fordernd, provokativ, unbequem, ambivalent – und am Ende doch überraschend versöhnlich. Gebbe pervertiert und hinterfragt des weit verbreitete Bild des „heiligen, unschuldigen Kindes“ und der „braven, schuldlosen Frau“ (die kleine Raya vergeht sich sexuell an einem gleichaltrigen Jungen!), und stellt diesen ganzen Verstörungen das Ideal bedingungsloser, aufopfernder Liebe als Hoffnung und (mögliche) Heilung gegenüber, die die schlimmsten „Dämonen“ vertreiben. Herausragend ist dabei vor allem das Spiel der Jungdarstellerin Katerina Lipovska als Raya: Selten hat man arrivierte Starschauspieler aus Hollywood oder sonstwo mit einer derartigen Intensität agieren sehen.

Seine Anziehungskraft entwickelt „Pelikanblut“ vor allem aufgrund des ungewöhnlichen Sujets, das vor allem zart besaitete und sensible Gemüter auf eine harte Probe stellen wird. Die Inszenierung ist dabei stets subtil und unaufdringlich, Gebbe gibt ihren Darstellern und ihrem Plot Raum, sich frei zu entfalten. Vor allem aber hütet sie sich vor Wertungen und gibt uns Zuschauern damit das größte Geschenk in die Hand: Eine intensive Herausforderung und einen Film, den jeder für sich selbst erschließen muss.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(83/100)

Gesehen beim Slash – Festival des fantastischen Films.

Weiterlesen: Slash Festival Tagebuch

Bild: (c) Slash Filmfestival