2023 sollte das Jahr der großen Rückkehr werden: Jahrelang galten die Golden Globes als zwar weniger prestigeträchtige, aber bei Stars und Publikum oft beliebtere „kleine Schwester“ der Oscars. Das lag zum einen an der eher lockeren Atmosphäre bei der Verleihungsgala, wo stets ordentlich getrunken und gefuttert wurde. Zum anderen und insbesondere in den letzten Jahren an den bissigen Moderationen von Ricky Gervais, der Hollywood plus Publikum mit seiner satirisch-zynischen Art stets die Absurdität solcher Selbstbeweihräucherungen der „Traumfabrik“ vor Augen hielt.

von Christian Klosz

Seit einem Skandal oder „Skandal“, man weiß es nicht genau, der die Hollywood Foreign Press, die die Globes veranstaltet, erfasste (plus Corona-Absagen der Verleihungen davor) stand die Zukunft des Filmpreises in den Sternen. Zu wenig „Diversität“ soll es gegeben haben im Gremium, auch Gerüchte von Preisvergabe-Absprachen machten die Runde. Letztes Jahr gab es zwar Preise, aber keine offizielle Verleihung.

Heuer sollte alles anders sein: „Interne Reformen“ hatte man verkündet, das Gremium der Auslandsjournalist/innen wurde aufgestockt und ist nun „diverser“ (was eine etwas absurde Forderung und Vorstellung ist, immerhin besteht die Hollywood Foreign Press aus Journalist/innen aus dem Ausland, die von ihren Medien im Herkunftsland nach L.A. entsandt werden, um über Hollywood zu berichten. Viel diverser kann ein Gremium kaum sein). Wie auch immer: Schein sticht Sein und und korrekte Oberflächen und der richtige Schein sind seit Jahren wichtiger als alles andere in der US-Unterhaltungsbranche. Da ist auch nur folgerichtig, dass mit Comedian Jerrod Carmichael erstmals ein schwarzer Host die Verleihung am 10.1. moderierte, die heuer auch wieder im US-TV übertragen wurde. Er selbst kommentierte die Tatsache seiner Verpflichtung übrigens gleich zu Beginn angemessen (selbst-)ironisch: „I am here because I’m black.“ Der Rest des Monologs zu Beginn war eine kritische, nicht sonderlich lustige, aber am Ende versöhnliche Überleitung in die Gegenwart der Globes, in der nun „alles besser“ sein soll.

Während alle Gebote des industrieimmanenten Woke-ismus also erfüllt wurden, blieb die Frage offen, ob solche Veranstaltungen mit eng an eng gedrängten Menschen in Zeiten einer in den USA erneut massiv um sich greifenden, neuen Corona-Welle sinnvoll sind oder nicht doch ein falsches Bild vermitteln. Bekanntlich gelten bei brancheninternen Veranstaltungen wie jener oft strikte Regeln, um die Sicherheit aller Beteiligten zumindest zu einem gewissen Ausmaß zu garantieren (etwa Testpflicht für alle Gäste). Solange das aber nicht öffentlich kommuniziert wird, bestätigt die Abhaltung solcher Events natürlich den Anschein einer neuen, alten Normalität, in der all das keine Rolle mehr spielt. Vorbildwirkung, hallo?

Die Sieger/innen, schon früher öfter eher Beiprodukt als eigentlicher Mittelpunkt der Golden Globes, bleiben auch heuer Randnotiz (gesamte Liste hier). Das US-Publikum jedenfalls scheint absolut kein Interesse an den „neuen, reformierten“ Globes zu haben: Im Vergleich zu der letzten, im TV übertragenen Verleihung Anfang 2020 wurden die Zuschauerzahlen gedrittelt: Gut 6 Millionen waren es heuer gegenüber 18 Millionen 2020. Das ist ein noch massiverer Einbruch, als ihn die Oscars in den letzten Jahren nach ähnlichen „Reformschritten“ hinnehmen mussten. Dass Sender NBC die TV-Rechte im kommenden Jahr erneut erwerben wird, davon sollte man nicht ausgehen. Das große Comeback der Globes 2023 war ein ziemlicher Reinfall.

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