Nach der qualitativen und künstlerischen Abdankung der Oscars stellt sich die Frage, welcher internationale Filmpreis dieses Vakuum füllen kann – oder ob es überhaupt gefüllt werden muss. Die Oscars waren stets und in erster Linie Selbstfeierung der US-amerikanischen Filmindustrie, ein US-Filmpreis, der das globale Filmschaffen geflissentlich ignorierte und das auch konnte, da Hollywood das unumschränkte Unterhaltungsmonopol der Welt inne hatte. Die Prämierung des südkoreanischen „Parasite“ letztes Jahr als „bester US-Film“ kam einer Selbstaufgabe der Branche gleich. Sprich: Wir schaffen es selbst nicht mehr, genuine Werke mit universalistischem Anspruch zu schaffen, deshalb vereinnahmen wir ein genuines Werk aus dem Ausland, und feiern uns selbst dafür – Kulturimperialismus auf politisch korrekt quasi.

von Christian Klosz

Während gegen „Parasite“ absolut nichts einzuwenden ist – repräsentiert er doch genau diese Art von eigenständigem und originären Autorenfilm, für die die Ikonen des US-Kinos so lange gekämpft hatten (nicht umsonst zitierte Bong Joon-Ho in seiner Dankesrede Martin Scorsese) und die sich im rezenten US-Kino kaum noch finden lässt – war die Entscheidung eben auch Ausdruck der tiefen, kreativen und intellektuellen Krise Hollywoods und der gesamten US-Gesellschaft, die zwischen protofaschistischem Trumpismus und illiberalem Woke-ismus changiert.

Braucht die US-Filmindustrie einen Filmpreis mit Signalwirkung?

Amerikanische Filmpreise gibt es genug, doch international beachtet werden seit Jahren nur die Oscars – und eben die Golden Globes. Die Auswahl der Globes sorgen immer wieder für etwas Stirnrunzeln, sie sind im Vergleich zur zigtausendfach besetzten Academy, die die Oscars verleiht, auch wenig repräsentativ: Knapp 100 in L.A. stationierte Auslandsjournalisten entscheiden über die Nominierungen und Preise. Gleichzeitig aber sind sie in ihrer Entscheidungsfindung freier, und es ist auch von größerer Meinungsvielfalt in dem Gremium auszugehen, da es sich eben hier um Auslandsjournalisten aus aller Herren Länder handelt (die Hollywood Foreign Press Association), die in gewisser Weise einen „Blick von außen“ auf das Geschehen in Hollywood und im US-Kino haben, was nur von Vorteil sein kann, zumal in der momentanen Lage.

Eben diese Golden Globes, die am 28.2. verliehen werden, gaben vorgestern ihre Nominierungen für das Filmjahr 2020 bekannt. Die Auswahl offenbart Licht und Schatten, einige Überraschungen, eine gewisse Ignoranz gegenüber aktuellen Moden, aber auch große Abwesende. Zuerst zum Besten Film (Drama): „Mank“, der meistnominierte Film überhaupt, ist eine veritable Überraschung, da das neue Werk von David Fincher nur wenige wirklich begeistern konnte. Mit „Nomadland“ war zu rechnen, in gewisser Weise auch mit „The Trial of the Chicago 7“, wenngleich Aaron Sorkin hier über weite Strecken nicht an seine vorigen Leistungen anschließen kann. Große Abwesende gibt es mehrere: „Sound of Metal“ (dafür andernorts vertreten); „I’m thinking of ending things“; „Out of Play“ mit Ben Affleck; „Da 5 bloods“ von Spike Lee (überhaupt keine Nominierung!?) Und „First Cow“, der vielleicht beste amerikanische Film des vergangenen Filmjahres nach US-Veröffentlichungen. Abwesend, aber nicht vermisst: „Tenet“.

Große Abwesende

In der Comedy/Musical-Sparte gab es heuer wenig zu lachen, was erklärt, dass die ziemlich unlustige und überschätzte „Borat“-Fortsetzung hier nominiert wurde. Gleiches gilt für die völlig überschätzte Darstellung von Marija Bakalowa als Borats Tochter, die ebenso als beste Comedy-Darstellerin nominiert wurde wie ihr Film-Vater Sacha Baron Cohen. Dass dieser noch dazu in der „Nebendarsteller“-Sparte für seinen nervigen Auftritt in „Chicago 7“ genannt wurde, während der überragende Paul Raci aus „Sound of Metal“ oder diverse Nebendarsteller aus „Da 5 bloods“ nicht erwähnt wurden, ist ein weiterer Fehlgriff. Für den Preis als bester Comdedy/Musical-Darsteller immerhin wäre Dev Patel für seinen Auftritt als indischer David Copperfield eine solide Wahl.

In der tendenziell wichtigeren und prestigeträchtigeren Drama-Sparte ist die Auswahl nachvollziehbarer, wenngleich auch hier wichtige Namen fehlen: Ben Affleck hätte sich eine Nominierung für „Out of play“ mehr als verdient gehabt. Und warum Delroy Lindo für seinen überragenden Auftritt in „Da 5 bloods“ ignoriert wurde, wissen wohl auch nur die Journalisten der Hollywood Foreign Press (hoffentlich). Dass zumindest Riz Ahmed aus „Sound of Metal“ hier genannt wurde, ist eine kleine Wiedergutmachung für die Ignorierung als Bester Film. Bei den Frauen wird es wohl auf ein Duell zwischen Carey Mulligan, Frances McDormand und Vanessa Kirby hinauslaufen.

Schließlich zur Besten Regie: Chloe Zhao war zu erwarten, mit Aaron Sorkin kann man leben, David Fincher ist eher eine Verlegenheitsnennung. Doch wo ist – erneut – Spike Lee? Und wo Kelly Reichardt („First Cow“)?

Folgend die Nominierungen der wichtigsten Kategorien der Golden Globes 2021 im Überblick:

Bester Film – Drama

Bester Film – Comedy/Musical

Bester Schauspieler – Drama

Beste Schauspielerin – Drama

  • Viola Davis – Ma Rainey’s Black Bottom
  • Andra Day – The United States vs. Billie Holiday
  • Vanessa Kirby – Pieces of a Woman
  • Frances McDormand – Nomadland
  • Carey Mulligan – Promising Young Woman

Bester Schauspieler – Comedy/Musical

  • Sacha Baron Cohen – Borat Anschluss Moviefilm
  • James Corden – The Prom
  • Lin-Manuel Miranda – Hamilton
  • Dev Patel – David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück
  • Andy Samberg – Palm Springs

Beste Schauspielerin – Comedy/Musical

  • Marija Bakalowa – Borat Anschluss Moviefilm
  • Kate Hudson – Music
  • Michelle Pfeiffer – French Exit
  • Rosamund Pike – I Care a Lot
  • Anya Taylor-Joy – Emma

Bester Nebendarsteller

  • Sacha Baron Cohen – The Trial of the Chicago 7
  • Daniel Kaluuya – Judas and the Black Messiah
  • Jared Leto – The Little Things
  • Bill Murray – On the Rocks
  • Leslie Odom Jr. – One Night in Miami

Beste Nebendarstellerin

Beste Regie

  • Emerald Fennell – Promising Young Woman
  • David Fincher – Mank
  • Regina King – One Night in Miami
  • Aaron Sorkin – The Trial of the Chicago 7
  • Chloé Zhao – Nomadland

Bestes Drehbuch

  • Emerald Fennell – Promising Young Woman
  • Jack Fincher – Mank
  • Aaron Sorkin – The Trial of the Chicago 7
  • Florian Zeller, Christopher Hampton – The Father
  • Chloé Zhao – Nomadland

Beste Filmmusik

  • Alexandre Desplat – The Midnight Sky
  • Ludwig Göransson – Tenet
  • James Newton Howard – Neues aus der Welt (News of the World)
  • Atticus Ross, Trent Reznor – Mank
  • Jon Batiste, Atticus Ross, Trent Reznor – Soul

Bester fremdsprachiger Film

  • Du hast das Leben vor dir (La vita davanti a sé) – Italien
  • La Llorona – Frankreich, Guatemala
  • Minari – USA
  • Der Rausch (Druk) – Dänemark
  • Wir beide (Deux) – USA, Frankreich

Serien & Fernsehen:

Die Golden Globes nominieren und prämieren auch Serien und Fernsehfilme. Nachdem sich das Seriengeschehen seit Jahren verstärkt auf die Streaming-Plattformen verlagert, sind viele bekannte Titel und Namen hier zu finden. Auch gibt es jeweils Schauspielpreise, erneut getrennt nach „Drama“ und „Comedy“. Da dies den Rahmen sprengen würde, sollen folgend nur die nominierten Serien präsentiert werden. Die gesamte Nominierungsliste lässt sich auf der Homepage der Golden Globes nachlesen.

Beste Serie – Drama

  • The Crown
  • Lovecraft Country
  • The Mandalorian
  • Ozark
  • Ratched

Beste Serie – Musical/Comedy

  • Emily in Paris
  • The Flight Attendant
  • The Great
  • Schitt’s Creek
  • Ted Lasso