Drei Jahre nach “Wunderschön” erscheint mit “Wunderschöner” ein weiterer Film von Karoline Herfurth, in dem die Filmemacherin episodisch Aspekte des Frau-Seins erkundet. Seit 13.2. im Kino.
von Richard Potrykus
“Wunderschöner” eine Fortsetzung zu nennen, wäre nicht korrekt. Der neue Film setzt lose an den Vorgänger an und ermöglicht eine Sichtung, ohne den ersten Film zu kennen. Im Zentrum stehen erneut mehrere Frauen und die Situationen, in denen sie stecken. Da gibt es Sonja (Karoline Herfurth), Mutter von zwei Kindern, die von ihrem Ehemann Milan (Friedrich Mücke) getrennt lebt und mit ihm eine Paartherapie besucht. Dann gibt es Julie (Emilia Schüle), Milans Schwester, die als Aufnahmeleiterin bei einer TV-Sendung arbeitet und sexuellen Übergriff erfährt, und Sonjas Freundin Vicky (Nora Tschirner), eine Gymnasiallehrerin, die in einem Kurs versucht, ihren Schülerinnen etwas über weibliche Selbstbestimmung beizubringen.
Schließlich ist da Nadine (Anneke Kim Sarnau). Sie ist Leiterin einer Stiftung und Ehefrau des Finanzsenators Phillipp (Godehard Giese). Als sie erfährt, dass ihr Ehemann mit der Prostituierten Nadia (Bianca Radoslav) geschlafen hat, entwickeln sich daraus mehrere Konflikte. Diese Frauen bilden das Band, anhand dessen sich „Wunderschöner“ durch seine Erzählung bewegt.
„Wunderschöner“ | Kritik
Doch nicht nur die unabhängige Handlung lässt “Wunderschöner” als eigenständigen Film erscheinen, auch die Art, wie die Ereignisse inszeniert werden. War “Wunderschön” noch ein kleiner, intimer Film, in dem es um die Sichtbarkeit der Frau ging und in dem jeder Mensch die Möglichkeit hatte, sich mit der einen und/oder anderen Figur zu identifizieren, so ist “Wunderschöner” größer und widmet sich entsprechend großen Themen. Er handelt von Sexualität und Sexualisierung und den Momenten, in denen beides beginnt und beides schnell das Maß überschreiten kann. Entsprechend dynamisch ist der Film und an ein paar Stellen kratzt er dabei hart an Plattitüden, wie sie gefühlt in jedem deutschen Film vorkommen. Vor allem trifft dies Milan, der im ersten Film noch wesentlich besser geschrieben war.
Doch “Wunderschöner” lenkt den Fokus immer auch gekonnt auf das Kernthema des Films und vergisst dabei nie, zu berücksichtigen, dass die wenigsten Menschen von Haus aus schlecht sind. Die Jungen in der Schule werden gekonnt als junge Menschen eingefangen. Zwar denken sie tagein tagaus an nichts anderes als Sex, doch werden sie bei weitem nicht als tumbe eindimensionale Idioten dargestellt. Herfurth zeigt sie als das, was sie sind. Junge Menschen, die sich in einem Zustand der Schwebe befinden und Mühe haben, sicher zu landen. Der Lehrer Trevor (Malick Bauer) weiß darum und begegnet den Schülern in seinem Kurs über toxische Männlichkeit daher direkt auf Augenhöhe. Er stimmt ihnen zu, nimmt ihre Aussagen auf und bringt sie geordnet dazu, nachzudenken, dumme Sprüche zu unterlassen.
Anders geht es im Kurs von Vicky zu, in dem die Schülerinnen bereits stark in ihrer Körperlichkeit aufgegangen sind, modisch chic gekleidet und geschminkt. Körperbetont verteidigen sie ihre aktive Sexualität und Vicky hat Mühe, diese Mauer zu durchbrechen.
In beiden Gruppen liegt der Fokus dabei vorrangig auf den Geschwistern Julian (Albert Lichtenstern) und Lilly (Emilia Packard). Ohne es explizit zu erwähnen, werden beiden Figuren Gegenstücke aus der Erwachsenenwelt präsentiert, Versionen ihrer selbst, die sie werden könnten, schafften sie es nicht, die Botschaften des jeweiligen Kurses zu begreifen: Aus Julian könnte ein weiterer Phillipp werden, der Frauen als Ware ansieht, und aus Lilly eine Regine (Anja Kling). Die ist Moderatorin der TV-Sendung, bei der Julie arbeitet, und hält nichts von der #Metoo-Bewegung. Überhaupt ist sie der Meinung, Frauen sollten sich nicht so anstellen.
Herfurth geht mit den Konflikten des Films geschickt um. Sie plakatiert nicht jedes Bild mit Problemen, sondern webt sie ein in die Episoden, die den Film prägen. Regine ist anfangs nur herrisch, sozusagen eine Platzhirschkuh, die, so könnte man überlegen, einen langen Weg hinter sich hat, um in die Position zu gelangen, die sie nun innehat. Erst nach und nach zeigt sich, dass sie keinerlei Sensibilität besitzt und ihr der reibungslose Ablauf eines Drehtages wesentlich wichtiger ist, als das seelische und physische Wohlergehen der beteiligten Kolleg*innen.
Schon früh in „Wunderschöner“ wird die Publizistin Hannah Arendt zitiert. “Jemand, der weiß, dass er widersprechen kann, weiß auch, dass er gewissermaßen zustimmt, wenn er nicht widerspricht.” Dieser Satz stammt aus dem Werk “Ziviler Ungehorsam” und bleibt erst einmal unkommentiert stehen. Es sind die Taten der Frauen, die dem Zitat schließlich Substanz verleihen, wenn sie sich gegen Unrecht auflehnen, wenn sie neue Erkenntnisse machen und sich Wissen aneignen.
Künstlerisch gehen die Schülerinnen dem Ursprung ihrer Weiblichkeit nach. Ähnlich wie die Autorin Liv Strömquist, die in ihrem Comic “Der Ursprung der Welt” grafisch das kulturelle Denken über die Vulva analysiert, bauen sie eine überdimensionale Klitoris und pflegen in weiterer Folge den (arendtschen) zivilen Ungehorsam. Sie emanzipieren sich von den Jungen in ihrer Umgebung, die ihrerseits lernen, dass der Übergang von sexueller Anziehung hin zur Übergriffigkeit fließend ist. Dabei geraten sie auch in einen Konflikt mit Teilen des Kollegiums, denen es unangenehm ist, dass die minderjährigen Schülerinnen eine Sexualität besitzen und sich ihrer durchaus bewusst sind. Doch Herfurths Film bleibt nicht bei der philosophischen Betrachtung von Widerspruch und Hinnahme.
Als Nadine langsam begreift, dass der außereheliche Sex des Ehemannes mehr ist als reines Fremdgehen, recherchiert sie zum Thema Sexarbeit und stößt auch auf ein Internetforum, in dem Freier darüber prahlen, wie sie Sexarbeiterinnen misshandelt und verletzt haben. Sie konfrontiert ihren Ehemann damit und liest Zitate aus dem Forum vor. Herfurth verlässt hier kurz den dramatischen Rahmen des Films wie einst Elfriede Jelinek, die in ihrem Stück “Über Tiere” aus Abhörprotokollen vortragen ließ, die zwischen Freiern und Vermittlern geführt wurden.
Krasse Sprache und enorm harter Inhalt werden hier präsentiert und lassen das Ausmaß erahnen, wie schwerwiegend die Fehleinschätzung sein kann, wenn man von Sexarbeit als “auch nur einem Job” spricht oder es romantisiert als “ältestes Gewerbe der Welt” bezeichnet. Doch es gibt immer auch Hoffnung und so ernst die Themen auch sind, “Wunderschöner” bleibt immer auf der Sonnenseite. Herfurth fängt die Figuren immer gekonnt auf, gibt ihnen Eingebungen oder stellt ihnen helfende Hände zur Seite.
Fazit
“Wunderschöner” ist ein Film, der wachrüttelt und Mut macht. Dabei ist er witzig, einfühlsam und fühlt sich trotz seiner Länge von 132 Minuten nicht lang an. Er ist eigenständig und nur über die Figuren mit dem ersten Teil verbunden. Die “Wunderschön”-Reihe wirkt wie eine Anthologie und bei dem aufmerksamen Auge, welches Herfurth an den Tag legt, ist ein dritter Teil durchaus denkbar.
Bewertung
(82/100)
Bild: 2024 Hellinger / Doll Filmproduktion GmbH – Warner Bros. Entertainment / Anne Wilk
