Bong Joon Ho meldet sich zurück auf der großen Leinwand und zeigt einmal mehr, was er kann. Mit Robert Pattinson in der Hauptrolle präsentiert der südkoreanische Regisseur und Drehbuchautor ein skurriles Science-Fiction-Spektakel, in dem wie schon bei “Snowpiercer” weder Gesellschaftskritik noch die Analyse politischer Machtstrukturen zu kurz kommen. „Mickey 17“ ist jetzt im Kino zu sehen.

von Richard Potrykus

„Mickey 17“ – Kritik

Erzählt wird die Geschichte von Mickey Barnes (Pattinson), der aus einer Not heraus bei einer Weltraummission anheuert und sich als sogenannter Expendable den Lebensunterhalt verdient. Die Krux daran ist, dass Expendables für allerhand gefährliche Arbeiten herangezogen werden, bei denen der Tod des Menschen billigend in Kauf genommen wird. Moralische Skrupel gibt es dabei keine, da der Expendable über eine Art 3D-Drucker einfach als eine Kopie des Menschen reproduziert werden kann.

Auf dem Raumschiff lernt Mickey schon bald die Agentin Nasha (Naomi Ackie) kennen und beginnt mit ihr eine Liebesbeziehung. Angeführt wird die Expedition von einem gewissen Kenneth Marshall (Mark Ruffalo), einem gescheiterten Politiker und religiösen Anführer. Als das Raumschiff auf dem fremden Planeten Niflheim landet, erleidet die siebzehnte Version von Mickey einen Unfall und wird für tot erklärt. Er überlebt allerdings und steht kurz darauf seinem Nachfolger-Ich Mickey 18 gegenüber, was zu allerhand Verwicklungen führt.

“Mickey 17”, so der Titel des Films, stellt eine hochpolitische Satire dar, bei der sowohl gegenwärtige Akteure der echten Welt parodiert, als auch grundsätzliche und philosophische Fragen gestellt und erörtert werden. Wie viel ist ein Menschenleben wert und gibt es so etwas wie einen Wert überhaupt, wenn der Begriff des Entbehrlichen bzw. Ersetzbaren (engl. expendable) als Klassifikation Teil der Alltagssprache ist? Während der frühen Phase der Industrialisierung galten Arbeitskräfte rigoros als ersetzbar. Wenn in den Fabriken jemand verstarb oder anderweitig ausfiel, konnte die Position problemlos nachbesetzt werden.

Der Wert des Menschen wurde auf seine Einsatzmöglichkeiten reduziert. Mickey wird im Film für allerhand Experimente eingesetzt und im Falle eines Fehlschlags ebenso ersetzt wie einst die Arbeitskräfte. Hiernach bemisst sich sein Wert. Marshall will durch die Expedition eine Kolonie gründen und braucht dafür Menschenmaterial. Die Frau verkommt zur Gebärmaschine. Dies ist ihr Einsatzgebiet, ihr Wert.

Marshall steht derweil über allem. Er ist Diktator, wird als Guru angebetet, gibt sich gönnerhaft, moderiert seine eigene TV-Show und herrscht mit eiserner Faust. Er ist allerdings auch komplett dämlich. Mit seinen offensichtlich falschen Zähnen erinnert er an den durchgeknallten Tech-Milliardär aus “Don’t Look Up” und seine treuen Anhänger jubeln ihm zu, während sie Baseball-Caps tragen, die mit der Aufschrift “The One and Only” eine eindeutige Referenz an die MAGA-Bewegung aus den USA sind.

Doch Marshall ist mehr als eine absurde Trump-Persiflage. Ruffalos Figur ist die eines Despoten, der nie weiß, wann er verloren hat, und blind seiner eigenen Hybris hinterherrennt. Und er ist absolut hohl, wie ein Fass, welches es zu füllen gilt. Wann immer er etwas sagt oder macht, hat ihm jemand dies von der einen oder anderen Seite aus eingeflüstert. Anfangs nur leicht, nehmen diese Einflüsse von außen im Laufe des Films zu. Damit kommuniziert der Regisseur eindrücklich, dass es den einen Diktator, den definitiven Schreckensherrscher, das böse Mastermind, nicht gibt. Es sind immer mehrere Personen, die etwas zu erreichen suchen oder jemanden lenken. Das äußere Erscheinungsbild, die Galionsfigur, fungiert dabei als Lockmittel, als Sprachrohr, um die aberwitzigsten Ideen zu verbreiten, Menschen zu ködern, sie gefügig zu machen und ihnen nicht zuletzt auch Jobs anzudrehen, die jenseits aller Ethik liegen.

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„Mickey 17“ inszeniert sich dabei auch als Komödie, unterstreicht so die Absurdität der Gegebenheiten und treibt sie auf die Spitze. Ein Drucker mit Fehlfunktion konterkariert den Wert des Lebens, dessen Abwesenheit im Film allgegenwärtig ist. Der Tod des Expendables ist kein kalkuliertes Risiko, sondern Prämisse. Dadurch ist der Mensch nicht einmal ein Objekt, denn auf Objekte wird geachtet. Gegenstände können kostbar sein. Wenn Mickey erschossen werden soll, dann bitte nicht an Ort und Stelle, damit der Teppich keinen Schaden nimmt.

Während all dieser Ereignisse kommentiert Mickey das Geschehen als Erzähler aus dem Off, gibt zusätzliche Informationen und ergänzt so die in sich geschlossene Erzählung um ein komplexeres World Building, ein gesellschaftliches System, aus dem die Erzählung erwachsen ist. Begleitet wird er dabei von leichter Klavier- oder Orchestermusik, was nicht weniger im krassen Gegensatz zum Gezeigten steht. “Mickey 17” ist dabei kein ausgeklügeltes Hard Science-Fiction Narrativ, bei dem alles eine mathematische Genauigkeiten ausweist, aber für die Handlung entsteht so ein solides Fundament, welches sogar die Möglichkeit gibt, die als Creeper bezeichneten Aliens, auf die die Figuren treffen, ausdifferenziert als Wesen zu zeigen, die über eine soziale Intelligenz und Verhaltensmuster verfügen.

Fazit

“Mickey 17” ist brandaktuell und trifft so manchen Nagel auf den Kopf. Er entzaubert das Phänomen des politischen Personenkults und klagt den Imperialismus an, der wieder auf dem Vormarsch ist und Gebietsgewinne höher schätzt als das Wohl der Gemeinschaften, die daran beteiligt sind. Gleichsam ist der Film allgemein genug, um die Zeitgeschichte zu überdauern. “Mickey 17” hat so das Potential, auch in zwanzig Jahren noch geschaut und verstanden zu werden. Ganz nebenbei hat der Film mit den Creepers außerirdische Wesen erschaffen, die trotz ihrer schabenähnlichen Gestalt einen ordentlichen Niedlichkeitsfaktor besitzen.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(Rating: 92/100)

Unser Autor Richard Potrykus betreibt auch den Film-Blog Celluloid Papers. Schaut vorbei!

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