Nachdem Hanna Bergholm als neue Stimme des finnischen Genre-Kinos mit ihrem Spielfilmdebut „Hatching“ einen kleinen Kultstatus in der internationalen Indie-Filmwelt erlangte, präsentiert sie nun ihren neuen Film „Nightborn“. Der lief im Berlinale-Wettbewerb 2026 und feierte kürzlich beim SLASH ½ Festival seine Österreich-Premiere.
Kritik von Natascha Jurácsik
Saga (Seidi Haarla) und ihr Mann Jon (Rupert Grint) ziehen gemeinsam in das alte Haus ihrer Großmutter inmitten eines unberührten Waldgebietes in Finnland. Hier möchten sie eine Familie gründen – schon bald wird ihr Wunsch erfüllt und Saga bringt einen gesunden Jungen zur Welt. Allerdings währt das neue Elternglück nicht lange, denn sie ist überzeugt, ein Monster geboren zu haben, eine Tatsache, die niemand sonst wahrhaben will. Alleingelassen und verstört versucht sie ihrer Vorstellung einer perfekten Mutter gerecht zu werden, auch wenn ihr Kind alles andere als perfekt ist.
„Nightborn“: Die dunkle Seite des Familienglücks
Hanna Bergholm hat sich seit ihrem vorherigen Projekt sowohl als Regisseurin als auch als Drehbuchautorin merklich weiterentwickelt: „Hatching“ hat zwar vereinzelte Stärken, wirkt aber dennoch wie ein in die Länge gezogener Kurzfilm, der seine Laufzeit von 1,5 Stunden nicht rechtfertigen kann und die Aufmerksamkeit des Publikums immer wieder verliert.
„Nightborn“ hingegen ist da wesentlich besser ausgearbeitet, mit einer simplen, aber gelungene aufgebauten Handlung, die zwar ebenfalls im zweiten Akt schleppend voran kommt, aber nie langweilig wird. Die Figuren sind individuell ein wenig eindimensional, weisen aber in ihren Beziehungen zueinander genügend Komplexität auf, dass man ihre Entwicklungen mit Interesse verfolgt. Dabei leidet Haarlas Darstellung in Szenen mit ihrem Kollegen Grint minimal an der Sprachbarriere, aber die beiden schaffen es trotzdem, eine glaubwürdige Dynamik aufzubauen.
Die Stärke von „Nightborn“ findet sich jedoch von den wenigen, überraschend herzerwärmenden Momenten, in denen Saga und ihr Baby zueinanderfinden und eine Beziehung aufbauen. Die Geschichte selbst ist zwar interessant, aber nicht wirklich originell – das Horrorgenre ist voller Beispiele für die Darstellung der Mutterschaft mittels Elementen von Body- und Folk-Horror. Daher ist dieser Aspekt der Story zwar unterhaltsam und sowohl narrativ als auch optisch gut umgesetzt, aber nicht sonderlich kreativ.
Ein melancholisches „Happy End“
Doch dies kompensiert der Film etwas mit dem dritten Akt, als Mutter und Kind zueinanderfinden und abseits jeglicher Idealbilder von Familie auf ihre ganz eigene Art und Weise miteinander interagieren. Das Ablehnen solcher sozialen Normen verlangt jedoch Opfer, wodurch das Ende trotz melancholischen Glücks etwas Düsteres beinhaltet.

Ästhetisch orientiert sich Bergholm eindeutig am Folk Horror: Atmosphäre Aufnahmen von ungezähmter Natur, ein Wald, der allem Anschein nach kein einfaches Setting, sondern eine aktiv mitwirkende Figur ist, und Antworten, die sich nur in alten Mythen finden lassen.
Die visuelle Inszenierung erfüllt dabei den Zweck, einen einengenden, ominösen Ton zu vermitteln, ist jedoch mit ihrer gedämpften Farbwelt, flachen Beleuchtung und dem typischen Set Design eines alten Hauses etwas formelhaft. Kleinere Höhepunkte finden sich dafür in den beeindruckenden praktischen Effekten, in einzelnen malerischen Einstellungen und in der Entscheidung, das wahre Aussehen des Babys nur durch kurz erhaschte Andeutungen erahnen zu lassen.
Fazit
Die dunkle Seite des Familienglücks – „Nightborn“ bietet zwar weder optisch noch narrativ etwas Neues und trottet zwischendurch etwas träge durch die eigene Handlung. Hannah Bergholms Film bietet allerdings eine unerwartet rührende Darstellung einer Mutter-Kind-Beziehung, die mit erdrückenden Normen und unrealistischen Erwartungen bricht, um ihre ganz eigene Form von Liebe zu finden.
Bewertung
(56/100)
„Nightborn“ lief im Mai 2026 im Rahmen des Slash 1/2 Festivals in Wien und startet später im Jahr regulär in den Kinos. Weitere Infos
Bilder: (c) Pietari Peltola / Bac Films – Slash Filmfestival
