Seit einigen Jahren ist der Herbst nicht nur Fixpunkt für Horrorfreunde und andere Verrückte (Halloween!), sondern auch für True Crime-Fans: Die von Ryan Murphy kreierte Serie „Monster“ erweckt die berühmtesten Serienkiller der USA fiktiv wieder zum Leben, neue Staffeln erscheinen immer im September bzw. Oktober. Nach Jeffrey Dahmer, den Menendez-Brüdern und Ed Gein steht in „Monster“ Staffel 4 „Die Geschichte von Lizzie Borden“ erstmals eine weibliche Täterin im Zentrum. Seit 17.9.2026 sind die 8 Folgen auf Netflix zu streamen.
Hintergründe & Infos zu „Monster“ Staffel 4
Serien-Kritik von Christian Klosz
Die Anthologie-Serie „Monster“ ist zweifelsohne weit mehr als nur ein weiteres True Crime-Format: Dank der erzählerischen Tiefe und Komplexität und der kreativen, oft kunstvollen Gestaltung und Inszenierung geht die Serie über eine simple Rekonstruktion von grausamen Verbrechen zwecks Unterhaltung hinaus. Sie reflektiert stets, und das seit Staffel 1, Fragen nach dem Ursprung „des Bösen“, den Begriff der Wahrheit, Voyeurismus, Popkultur. Und damit auch sich selbst.
„Monster“ Staffel 4: Weibliches sexuelles Erwachen über Gewalt
Wie bereits in Staffel 3 „Die Geschichte von Ed Gein“ ist Ryan Murphys langjähriger Kreativpartner Ian Brennan auch diesmal alleinig für das Drehbuch verantwortlich und fungiert als Showrunner. Er legt „Die Geschichte von Lizzie Borden“, einer jungen Frau, der die Tötung ihres Vaters und ihrer Stiefmutter zur Last gelegt wurde, als Mischung aus historischem Period Piece und (sexueller) Emanzipationsgeschichte an, die die spätere Täterin auch als Opfer ihrer Umstände und ihrer Zeit fasst.
Es ist das Jahr 1893: Nämliche Lizzie Borden (Ella Beatty) wächst unter privilegierten Verhältnissen im viktorianischen Fall River, Massachusetts auf. Ihr Vater Andrew (Charlie Hunnam) verdient als Hersteller edler Särge und Inhaber seines Bestattungsunternehmens gutes Geld, bemüht sich aber nicht nennenswert um eine Beziehung zu seiner jüngsten Tochter. Sie scheint ihm egal zu sein. Stattdessen muss Lizzie ihre Stiefmutter Abby (Rebecca Hall) tagaus, tagein ertragen, eine furchtbare Person, die Freude darin findet, ihre Stieftochter und die Hausangestellten zu erniedrigen.
Gefangen in viktorianischen Zwängen und Ritualen
Diese zwanghafte Bösartigkeit, die sich in bösartigen Zwängen offenbart (täglich kontrolliert sie die Oberflächen im Haus mit weißen Handschuhen auf Staub und Schmutz; bleiben diese nicht blütenweiß, muss die jeweilige Angestellte einen aus den dreckigen Handschuhen filtrierten „Tee“ trinken), entspringt ihren eigenen Traumata, die eine fatale Verbindung mit viktorianischen Ritualen gehobener Schichten eingehen, was Lizzies Zuhause zu einem goldenen Käfig macht.
Um dem zu entkommen müsste sie sich einen Mann suchen, so die Regeln der Zeit. Ihr klägliches Versagen bei dem Unterfangen wird ihr vom Stief-Monster regelmäßig unter die Nase gerieben. Zusammen mit der Erklärung: Ihr hässliches „Pferdegesicht“ könne kein Mann ertragen wollen.
Von der Fantasie zur Tat
Eine unerwartete Verbündete, Freundin und später Geliebte findet Lizzie indes im neuen Hausmädchen Bridget „Maggie“ Sullivan (Vicky Krieps). Sie hat die Welt gesehen und ihr mondäner, progressiver, selbstbewusster und unangepasster Habitus wird für Lizzie Borden zum Tor zu einer Welt, die ihr bisher unbekannt war und undenkbar schien. Zwischen den beiden entsteht schnell eine ungewöhnlich intensive Beziehung, für Lizzie eine lustvolle Gegenwelt zu ihrem kalten Familienleben. Erstmals erwachen auch eigene (sexuelle) Wünsche in ihr.
Die Idee, die Eltern loszuwerden, beginnt zu wachsen, zuerst von Bridget achtlos als Gedanke in den Raum geworfen. Wie schön wäre es denn, wenn die beiden endlich weg wären. Als die Stiefmutter eines Tages Lizzies geliebte Tauben erschlägt, da sie ihr Gurren nicht mehr ertrug, schlägt auch in der Stieftochter das Pendel um: Genug ist genug, die Alten müssen weg.
Gemeinsam schmieden Lizzie und Bridget einen Plan, Andrew und Abby mit vergammelten Meeresfrüchten zu vergiften. Wider Erwarten überleben die beiden. Also muss eine stärkere Waffe her: Die Axt-Sammlung des Vaters bietet zahlreiche Optionen.
Ein schaurig-schönes Period Piece
Insbesondere Staffel 3 von „Monster“ wurde von manchen vorgeworfen, es mit den historischen Tatsachen nicht so genau zu nehmen und das eine oder andere dazuzudichten. Sie verstanden aber nicht, dass das die Absicht war, dass es Autor Ian Brennan keineswegs um eine akkurate Rekonstruktion der Ed Gein-Story ging, sondern um anderes und mehr. Der reale Fall wurde als Grundlage für eine komplexe Ergründung des Bösen genommen, das Resultat war eine Meta-Serie, die auch ihre eigene, popkulturelle Rolle reflektierte. Einem Teil der True Crime-Fans war das wohl zu anspruchsvoll.
Kritik zu Staffel 3 „Monster: Die Geschichte von Ed Gein“
Dasselbe Publikumssegment wird auch mit „Die Geschichte von Lizzie Borden“ wenig Freude haben, denn der Zugang ist ein ähnlicher: Der reale Fall dient als Vorwand, eine breitere Geschichte zu erzählen, deren zentrale Themen diesmal weibliche Emanzipation und toxische gesellschaftliche Strukturen vor dem Hintergrund des Viktorianismus sind. Abgesehen davon wäre es bei einem gut 130 Jahre zurückliegenden Fall, der zudem bis heute nicht gänzlich enträtselt ist, ohnehin nicht möglich, auf vollkommene historische Akkuratesse zu setzen.
Allerdings muss hier eingewendet werden: Die Meta-Reflexion gelingt in Staffel 4 von „Monster“ weniger gut als in den Vorgängern. Manches bleibt schwammig, manche Argumentationslinien werden angerissen, ohne zu Ende gebracht zu werden. Der Fokus liegt beizeiten mehr auf den – zugegeben beeindruckend gestalteten – Oberflächen, der Ausstattung, einer – hier – detaillierten Rekonstruktion des viktorianischen Neuengland. Sie sind die Highlights dieser Staffel, immer wieder überraschen Set-Pieces und historische Artefakte. Diese detailverliebte Schönheit steht im Kontrast zur eigentlichen Geschichte. Das Resultat ist schaurig-schönen Period Piece, während die erzählerische Tiefe stellenweise hinterherhinkt.
Die weibliche Täterin, ein Opfer der Umstände?
Neben der (sexuellen) Emanzipationsgeschichte ein weiteres, zentrales Topos von „Die Geschichte von Lizzie Borden“ ist – wie schon in den Staffeln 2 und 3 – die Frage, wer denn nun für diese Taten verantwortlich sei. Also die Schuldfrage. Woher kommt die Gewalt? Eindeutiger und auch einseitiger als in vorangegangene Staffeln scheint die Anwalt zu lauten: Schuld ist das Umfeld, die patriarchale Gesellschaft. Die weibliche Täterin scheint stets zuerst Opfer zu sein, Opfer von Umständen, von gesellschaftlichen Zwängen, Männern. Als „Botschafterin aus der Zukunft“ dieser Erklärung fungiert sie (reale, hier fiktionalisierte) Serienkillerin Aileen Wuornos (Sarah Paulson).
Deren Inklusion in die Geschichte wirkt aber eher erzwungen und gehört zu den unglücklichsten Entscheidungen von Brennan. Überhaupt wirkt diese Staffel mit ihren 8 Episoden etwas „aufgebläht“: Die Geschichte der Lizzie Borden ist zweifellos interessant, hätte auch in 4 oder 6 Folgen erzählt werden können, vielleicht sollen. So stellt sich ab und an ein gewisser Leerlauf ein. Nebenstränge werden etabliert, die nicht nötig gewesen werden, wie eben der Wuornos-Einschub.
Andere rezente Serien wie „Furious“, die ebenfalls die Frage nach „weiblicher Gewalt“ stellen, beantworten diese intelligenter und befriedigender, vor allem differenzierter. Interessant ist hier anzumerken, dass „Furious“ von einer Frau (Elizabeth Meriwether) geschrieben wurde, „Lizzie Borden“ von einem Mann.
Das größte Manko von „Monster“ Staffel 4 ist – neben der erzählerischen Behäbigkeit und intellektuellen Schwammigkeit – der Nihilismus, den man ihr schlussendlich unterstellen kann: Beeindruckten die Vorgänger stets mehr durch das, was sie nicht zeigten, begnügt sich „Monster: Die Geschichte von Lizzie Borden“ zu oft mit der zweifelsohne wirkungsvoll inszenierten Darstellung der Gewalt und halbgaren Erklärungsansätzen. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Aber der subversive Twist, der fehlt dieses Mal.

Fazit
„Monster“ bleibt eine spannende, anspruchsvolle Serie, in Staffel 4 überzeugen gerade die Production Values und die visuelle Umsetzung. Das geht leider beizeiten auf Kosten der erzählerischen und intellektuellen Tiefe, der Lizzie Borden-Story fehlt schlicht die Schärfe der Vorgänger. Auch aus dem Topos „weibliche Gewalt“ hätte man mehr machen können oder müssen. Sehenswert ist das Resultat aber zweifellos dennoch.
Bewertung
(74/100)
Die „Monster“-Reihe auf Netflix: Analyse eines Streaming-Phänomens
Seriendaten – „Monster: Die Geschichte von Lizzie Borden“
| Seriendaten | Monster: Die Geschichte von Lizzie Borden |
|---|---|
| Originaltitel | Monster: The Lizzie Borden Story |
| Staffel | 4 |
| Genre | Drama, True Crime, Historienserie, Horror, Krimi |
| Produktionsland | USA |
| Produktionsjahr | 2026 |
| Episoden | 8 |
| Laufzeit | ca. 40–65 Minuten pro Folge |
| Streamingstart | 17. September 2026 |
| Streamingdienst | Netflix |
| Schöpfer | Ryan Murphy, Ian Brennan |
| Showrunner | Ian Brennan |
| Hauptdarsteller | Ella Beatty, Vicky Krieps, Charlie Hunnam, Rebecca Hall, Billie Lourd, Jessica Barden, Joey Pollari, Sarah Paulson |
| Altersfreigabe | ab 18 Jahren |
Bilder: (c) Netflix
