Mit „Kap der Angst“ drehte Regie-Ikone Martin Scorsese 1991 sein erstes Re-Make. Die Grundlage bot „Cape Fear“, ein B-Movie aus den 60-ern (deutscher Titel: „Ein Köder für die Bestie“), – das nächste sollte erst über zehn Jahre später mit „The Departed“ folgen. Vom Original übernimmt er lediglich die spannungsgeladene und apokalyptische Filmmusik aus der Feder von Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann, und die früheren Hauptdarsteller (Robert Mitchum und Gregory Peck) in Cameos, ansonsten bleibt hier kein Stein auf dem anderen.

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Inhalt: Anwalt Sam Bowden (Nick Nolte) lebt mit Frau Leigh (Jessica Lange) und Tochter Danielle (Juliette Lewis) das noch gewahrte Familienidyll im großen Einfamilienhaus, das durch das Auftauchen seines ehemaligen Klienten Max Cady (Robert De Niro) jäh ge- und zerstört wird. Cady will Rache für ein von ihm empfundenes Unrecht (bei seiner Verteidigung hatte der Anwalt bewusst Beweismaterial unterschlagen, um auf eine Verurteilung Cadys hinzuwirken), und setzt alles daran, Anwalt Bowden und dessen Familie zu zerstören. O-Ton Cady: „You will learn about loss, lawyer.“ Nach nicht wirkungsvollen Unterlassungsklagen und Einschüchterungsversuchen mündet das Ganze in den apokalyptischen Showdown am titelgebenden „Kap der Angst“, der in der jüngeren Filmgeschichte seinesgleichen sucht.

„Kap der Angst“ ist ein ungewöhnlicher Scorsese-Film: Bekannt und geschätzt vor allem für seine Filme im Mafia-Milieu („Hexenkessel“, „GoodFellas“ oder „Casino“) oder auch Charakterstudien gebrochener Helden („Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ oder „Aviator“) findet sich bis „Kap der Angst“ kein einziger archetypischer Thriller in seiner Filmografie. Die Scorsese’sche inszenatorische Virtuosität (Kameraführung, schnelle Schnitte, komplexe Charakterschilderungen) funktioniert aber auch hier, und führt zu höchst fesselnden, teils bizarren Szenenabfolgen.

In den besten Phasen ist „Kap der Angst“ in größtem Ausmaße filmisch, anziehend und abstoßend, schwer anzusehen und unterhaltsam zugleich. Selten findet man Filme, denen es derart gut gelingt, das Gefühl einer permanent präsenten, unterschwelligen Bedrohung derart subtil, gekonnt und effektiv darzustellen.

Robert De Niro gibt den psychopatischsten aller Psychopathen, Nick Nolte den verzweifelten Familienvater – doch Scorsese geht es um etwas Anderes: Genre- und Filmkonventionen in seinem wilden Stil umzuschreiben, um zu zeigen, wie man Mainstream- und Unterhaltungsfilme auch machen kann.

Zusätzlich befasst sich „Kap der Angst“ mit dem „Bösen“, und der Frage, wie man sein Wesen einfangen kann, und seiner Herr wird. Der Film liefert dabei keine einfachen „Schwarz“-„Weiß“-Antworten, sondern bietet eine komplexe Darstellung und reiche Schilderung einer „Psychologie der Psychopathie“.

Die hervorragende Filmmusik trägt ihren Teil dazu bei, die kinetische Spannung dieses ungewöhnlichen Thrillers weiter zu steigern. Das an Dramatik und Intensität kaum zu überbietende Ende hinterlässt eine Welt in Scherben: Der Bösewicht ist zwar besiegt, doch das Schein-Familienidyll zerstört. Die einzige Möglichkeit bleibt, nie mehr über das Geschehene zu sprechen, sondern zu schweigen.

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