Für Cineasten sind es derzeit wahrlich harte Zeiten: In Österreich hat eine Vielzahl der Kinos immer noch geschlossen, und auch wenn man theoretisch Zugang zu den Lichtspielhäusern hat, weiß man oft nicht, was einen da erwartet. Denn angekündigte Kinostarts werden beinahe täglich verschoben, und bezüglich großer Blockbuster wie Nolans „Tenet“ weiß derzeit niemand, wann, wo und ob die die Zuschauer beglücken dürfen.

von Christian Klosz

Und auch was die derzeit verfügbaren Filme betrifft: Oft ist es mittelmäßige Durchschnittsware, die die Verleihe aus ihren Archiven kramen. Da durfte man zu Recht gespannt sein auf den in den USA als ersten „Post-Corona-Neustart“ angekündigten Film „Unhinged“ (der dort nun tatsächlich erst am 31.7. starten soll) über einen von Russel Crowe verkörperten Psychopathen, der im Verkehrsstau völlig die Nerven verliert – doch auch diese positive Erwartungshaltung entpuppt sich als Fehler.

Die Handlung von „Unhinged“ ist rasch erklärt: Rachel (Caren Pistorius), kürzlich geschieden, hält sich mit unsteten Gelegenheitsjobs über Wasser. Sie verschläft wieder einmal und macht sich so zu spät auf den Weg zu ihrem anstehenden Auftrag, und auch ihr Sohn Kyle, den sie am Weg bei der Schule absetzen will, befürchtet ob der erneuten Verspätung die nächste Nachsitz-Einheit. Der immer dichter werdende Stau im Stadtgebiet macht die Hoffnungen zunichte, dass es sich noch irgendwie ausgehen könnte. Und als dann auch noch ein äußerst gereizter und finster dreinschauender Typ (Russel Crowe) durch das heruntergelassene Fenster mit Rachel zu diskutieren beginnt, warum sie ihn denn sinnloserweise angehupt habe, hat sie genug: Wütend geigt sie dem seltsamen Typen ihre Meinung und steigt aufs Gas. Was sie nicht wusste: Die Nerven jenes „Tom“ waren bereits vor dem kleinen Disput mehr als überreizt, und nun tickt er völlig aus: Er verfolgt Rachel mit seinem Auto, lauert ihr auf der Tankstelle auf, rammt sie mitten auf der Straße – und das ist alles erst der Beginn einer explosiven und blutigen Eskalation.

Was auf den ersten Blick gut klingt, muss nicht gut sein; das Problem von „Unhinged“: Der Film funktioniert einfach nicht, am Ende kann man das Dilemma des Thrillers von Regisseur Derrick Borte auf diese einfache Formel herunterbrechen. Warum das so ist, hat mehrere Gründe: Der augenscheinlichste ist die Tatsache, dass der Film im Grunde keinen Plot hat – die oben formulierten Zeilen waren schon eine äußerst detaillierte und ausgeschmückte Wiedergabe des zu Sehenden. Man könnte die Handlung auch mit dem Kurzsatz „Psychopath rastet im Straßenverkehr aus“ beschreiben, und würde damit den Inhalt von „Unhinged“ adäquat darstellen. Es gibt keine nennenswerten Nebenhandlungsstränge und kaum Hintergrundinfos zu den Figuren, was zum nächsten Problem führt: Die Charakterisierung ist äußerst oberflächlich, es gibt keine psychologische Tiefe, keine schlüssige Erklärung für das Handeln von Tom. Wir sehen nur einen wütenden Typ, der genug von der Welt hat, offenbar hat ihn seine Frau verlassen – und darum vergisst er sich völlig und wütet als wild gewordener Wahnsinniger durch die Straßen. Diese kaum vorhandene Charaktertiefe macht nicht nur die dargestellten Handlungen schwer nachvollziehbar, sie führt auch dazu, dass die Figur des Tom wenig glaubwürdig rüberkommt.

Besonders schmerzhaft ist dabei, dass es auch einem Schauspieler vom Kaliber eines Russel Crowe nicht gelingt, diese offensichtlichen Drehbuchschwächen zumindest teilweise auszugleichen: Seine Performance wirkt unstimmig, irgendwie hat man nicht das Gefühl, dass er eine Verbindung zu seiner Figur aufbauen konnte und sich nicht wohl in seiner Haut fühlt. Gerade in den letzten Jahren haben mehrere kaputte Außenseiter sehenswert durch die Kinosäle der Welt gewütet (von „A beautiful day“ bis hin zum „Joker“ – beide Male Joaquin Phoenix übrigens), weshalb der Qualitätsunterschied umso offensichtlicher ist.

Auch die Inszenierung muss man als mangelhaft bezeichnen: Regisseur Borte gelingt es zu keinem Zeitpunkt, wirklich Spannung aufkommen zu lassen, wie das zuletzt etwa in „Der Unsichtbare“ bei ähnlich überschaubaren Mitteln hervorragend gelungen war. Das Timing stimmt nicht, Kameraführung und Schnitt wirken eher ungelenk, alles ergibt kein „großes Ganzes“.

Unhinged - Außer Kontrolle Kino

Schließlich scheitert „Unhinged“ auch daran, eine nachvollziehbare Message zu platzieren. Das mag wohl auch nicht die erste Intention der Macher gewesen sein, aber gerade im Vorspann wird mehrfach darauf hingewiesen, dass die Menschen „immer aggresiver“ würden, dass es immer höhere Zahlen von Verkehrsunfällen gäbe und die Gesellschaft quasi knapp davor stünde, in Anarchie zu kippen. Gleichzeitig bietet der Film dafür keine Erklärung, keine Gesellschaftskritik, hat im Grunde keinen Standpunkt dazu: Es gibt keine „tiefere Ebene“, keinen doppelten Boden – am Ende keinen Sinn – und das ist schließlich doch etwas zu wenig für einen groß angekündigten Action-Thriller mit einem Hauptdarsteller dieses Kalibers: Eine massive Enttäuschung.

Fazit

Zu wenig Handlung, oberflächliche Figurenzeichnung, keine Spannung, missglücktes Timing, unterdurchschnittliches Schauspiel, null Message: Einzig die interessante Prämisse rettet „Unhinged“ vor der Totalkatastrophe, die auch so nur mit Biegen und Brechen vermieden werden kann. Dringender Rat: Finger weg!

Bewertung

Bewertung: 3 von 10.

(34/100)

„Unhinged – Außer Kontrolle“ ist seit 16.7. in den deutschen Kinos und ab 6.8. in den österreichischen Kinos zu sehen.

Bilder: © 2020 Constantin Film Verleih GmbH