Platz 8: „DAU. Degeneration“ von Ilya Khrzhanovskiy – 27 Pkt.
Das zentrale Thema von „DAU. Degeneration“ ist neben Verfall und Niedergang das Hinterfragen von Autoritarismus, von totalitären, pseudo-religiösen Ideologien, was über die Darstellung und Abbildung erfolgt. „Kritik durch Darstellung und Entstellung“ könnte man den Zugang auch nennen, und sie bekommt durch die Distanzlosigkeit und die der Arbeitsweise geschuldeten „Innenansicht“ und Direktheit eine eigene, so selten gesehene Qualität. Aus den Bildern, der Farbgebung, auch aus dem Schauspiel vieler Protagonisten spricht dabei eine gewisse Müdigkeit, eine traurige Sattheit, ein Überdruss, der die Degeneration, den moralischen, phyischen, psychischen Verfall, die sie umgeben, den stetigen Niedergang widerspiegelt. Das Lob gebührt hier Regisseur Khrzhanovskiy, dem Erfinder und Urheber des DAU-Wahnsinns, und Kameramann Jürgen Jürges als ausführende Hand, durch seine beeindruckende Arbeit auch ein Co-Autor dieses Riesenkunstwerks.
Bei allen Ambivalenzen, Nebengeräuschen, Kritik ist festzuhalten: „DAU“ muss schon jetzt als eines der bemerkenswertesten und größten Kunstprojekte dieses Jahrzehnts bezeichnet werden, jedenfalls als wohl wichtigstes Film-Großprojekt der letzten Jahre, dessen Qualität, Umfang und Bedeutung erst ansatzweise erfassbar ist; ein megalomanisches Meisterwerk, geboren aus Genie, kreativer Hybris und Wahn, das bleiben wird. (Christian Klosz)
Ganze Kritik -> HIER

Platz 6: „Waves“ von Trey Edward Shults – 28 Pkt.
Wild, aufwühlend, variabel, elektrisierend, schillernd. „Waves“ lässt sich nicht in ein Korsett zwängen, sprengt Genregrenzen und infiziert unumwunden die Sinne seiner Betrachter. Mal wunderschön wogend, dann wieder schmerzvoll stürmend versprüht das Drama ungefilterte Kinomagie, die mit voller Wucht die Herzen und Augen flutet. Mit einem groß aufspielenden Ensemble, seiner erfrischenden Unberechenbarkeit und einer modernen Handschrift gesegnet, ist Shults‘ dritter Spielfilm der unbestrittene Höhepunkt seiner Karriere und schon jetzt eines der großen Highlights des Jahres. Sensationell! (Cliff Brockerhoff)
Ganze Kritik -> HIER
ex-aequo mit
Platz 6: „David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“ von Armando Iannucci – 28 Pkt.
Iannuccis Verfilmung des autobiographisch angehauchten Klassikers atmet beinahe Lanthimos’sche Verrücktheit, befreit die 1850 von Charles Dickens veröffentlichte Geschichte vom Staub und präsentiert sich als dynamische Dramedy in viktorianischem Gewand, die erstaunlich oft zum Schmunzeln einlädt und mit einer brillant aufspielenden Besetzung durchweg zu überzeugen weiß. Auch wenn es hier letztlich keine Zaubertricks zu bestaunen gibt, ist dieser Film am Ende doch irgendwie magisch. (Cliff Brockerhoff)
Ganze Kritik -> HIER
Platz 5: „Knives Out“ von Rian Johnson – 30 Pkt.
„Knives Out“ ist eine modernisierte Variante eines klassischen Whodunit, die dennoch mehr auf Tradition denn auf Innovation setzt und die Luft der großen Krimi-Klassiker atmet. Der Cast überzeugt, die Inszenierung steigert die Spannung stetig, und als Herzstück des Films pocht ein virtuos verschlungener Plot und pumpt kalten Suspense durch seine Adern: Großes Genre-Kino, mörderisch unterhaltsam. (Christian Klosz)
Ganze Kritik -> HIER

Platz 4: „1917“ von Sam Mendes – 40 Pkt.
Der ambitionierte Versuch, die verstecken Cuts zu zählen, fand ein jähes Ende, als sich früh das erste Highlight des Films ereignet und der Puls der Zuschauer mit einem Effekt in die Höhe gejagt wird, von dem heutige Horrorfilme nur träumen können. Ohne Umschweife wird erkennbar, welch technischer Sachverstand „1917“ zugrunde liegt, und welch immersive Wirkung er entfalten kann. Egal ob spannungsgeladene Wendepunkte oder ruhig inszenierte Momente des Innehaltens; die Atmosphäre ist zu jeder Zeit greifbar und überwindet oftmals die eigens auferlegten Grenzen der Vorstellungskraft.
Letztlich ist „1917“ genau das geworden was Trailer und Marketing seit Monaten suggerierten; das Kriegsdrama agiert auf technischem Weltklasseniveau und überzeugt mit sogartiger Atmosphäre, fantastischem Tonschnitt und schauspielerischen Leistung zum Niederknien. Trotzdem stellt sich am Ende das Gefühl ein, dass die inszenatorische Versiertheit zu omnipräsent ist und sich zu selten der ansonsten schnell auserzählten Story unterordnet. (Cliff Brockerhoff)
Ganze Kritik -> HIER
Platz 3: „Niemals Selten Manchmal Immer“ von Eliza Hittman – 47 Pkt.
Trotz der Schwere der Thematik und einiger bedrückender Szenen ist „Niemals Selten Manchmal Immer“ letzten Endes kein negativer Film geworden – und das ist wahrscheinlich das Schönste an der Sache. Eliza Hittman portraitiert die beiden Protagonistinnen Autumn und Skylar mit einem Höchstmaß an Empathie, das sie auf das Publikum überträgt. So erzeugt sie mit einem absolut nüchternen Erzählstil ganz große Gefühle. (Paul Kunz)
Ganze Kritik -> HIER
Platz 2: „I`m thinking of ending things“ von Charlie Kaufman – 51 Pkt.
Was anfangs wie ein leicht verschrobenes Beziehungsdrama wirkt, schlägt fortan eine vollkommen andere Richtung ein: Kaufman scheut sich nicht davor, den befestigten Weg zu verlassen und seine Betrachter vor gleich mehrere Rätsel zu stellen. Oberflächlich erinnert „I’m thinking of ending things“ dabei starkt an Aronofsky’s Meisterwerk „mother!“, wobei der religiöse Anteil subtrahiert werden muss. Die eigentliche Aussage Kaufmanns verbirgt sich hinter einer festen Fassade, hinter die der Zuschauer erst am Ende zu blicken vermag. Wer den leisen Tönen der Bildsprache lauscht und aufmerksam die Veränderungen in den Farbtönen und den Details wahrnimmt, sieht sich nach den mehr als zwei Stunden Laufzeit einem zutiefst traurigen Werk gegenüber, das ungeheuer feinfühlig und kreativ inszeniert ist – und somit dem typischen Blockbuster-Fan mit Anlauf vor der Kopf stoßen wird.
In höchstem Maße metaphorisch, auf schönste Weise melancholisch und zu keiner Sekunde langweilig: Charlie Kaufman stellt in „I’m thinking of ending things“ die essentiellen Fragen des Lebens und hinterfragt nicht nur eine Liebesbeziehung, sondern vielmehr die Beziehung des Individuum zu seiner eigenen Existenz. Eine eiskalte Atmosphäre umschmeichelt diesen zähen Bastard, der keinerlei Exposition, dafür aber ganz viel Freiraum zur Interpretation bietet. Sollte man mögen. Kann man lieben. Muss man anerkennen. (Cliff Brockerhoff)
Ganze Kritik -> HIER

Platz 1: „Little Women“ von Greta Gerwig – 82 Pkt.
Gerwig zeichnet in „Little Women“ ein äußerst detailliertes Porträt unterschiedlicher Lebensentwürfe, verkörpert durch ebenso unterschiedliche Charaktere. Sie macht das in einem stets wohlwollenden, versöhnlichen und positiven Grundton und verzichtet weitgehend auf Klischees oder Vorurteile. Es stechen vor Allem drei besondere Talente der Regisseurin ins Auge: 1. Lässt sich der Film auch als Milieustudie verstehen, als filmische Abbildung einer nicht gerade wohlhabenden, aber aufstiegsorientierten Mittelschicht in den USA des 19. Jahrhunderts. Der Detailreichtum der entworfenen Lebenswelten erinnert an Vorbilder wie Scorsese, die plastische Lebendigkeit derselben ebenso. 2. Das Autorenhafte dringt aus jeder Pore des Films, aus jeder Einstellung, aus jeder Figur; insbesondere Jo lässt sich als filmisches Alter Ego Gerwigs ausmachen, Themen wie Selbstbestimmung und Außenseitertum werden nach „Lady Bird“ wieder und neu (vor einem anderen historischen Hintergrund) verhandelt. 3. Was Viruosität der Inszenierung betrifft, gibt es derzeit wenige Regisseur/innen, die mit Gerwig mithalten können: Sie überlagert geschickt Zeit- und Erzählebenen und macht das alles mit einem unfassbar hohen (Erzähl-)Tempo.
So ist „Little Women“ ein dichtes Historienepos geworden, das gleichzeitig Familiendrama und persönliche Entwicklungsgeschichte ist, bei all dem ein sehr persönlicher Autorenfilm über 4 Frauen, die ihren Weg in der Welt suchen, der die Zuschauer gleichermaßen fesselt, unterhält und berührt. Toll gespielt, virtuos inszeniert: Ein wahres Highlight des Filmjahrs 2020. (Christian Klosz)
Ganze Kritik -> HIER
Titelbild: aus „Little Women“, © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Wilson Webb
Textbilder (i.d.Reihenfolge): ©2019 Sommerhaus/eOne Germany bzw. ©Amazon Studios bzw. © DAU Project bzw. © 2019 Universumfilm GmbH bzw. ©Netflix
Pages: 12

Aber auch unter dem Baum, manchmal ein Traum,
so schmuck und elegant gar charmant.
Ist die Liebe oft sehr selten die wir geben oder empfangen,
Dass schon die Engelein sangen.
Schöne Xmas Zeit
Reni
Naja, zumindest einen Film dieser Top 20 habe ich auch gesehen.
Von einem Teil habe ich noch nie gehört.
Welche sind die beiden Filme? Und es sind übrigens Top 15 😛
Kniv es Out habe ich gesehen.
Das andere war jetzt ein freudscher Fehler 😆 Müsste heißen, „von einem ganzen Teil der Liste habe ich noch nie gehört“ 🙂