Ein Jeder kennt sie: Helikopter-Eltern. Das sind die, denen der kalte Schweiß auf der Stirn steht wenn der Sprössling auf dem Spielplatz von der Schaukel plumpst, die Nummer vom Kinderarzt auf der Kurzwahltaste gespeichert haben und den eigenen Nachwuchs am liebsten in einem überdimensionalen Watteball durch die Welt spazieren lassen würden. Hierbei handelt es sich natürlich um eine Hyperbel, denn nur die wenigsten meinen es tatsächlich nicht einfach nur zu gut, und es gibt natürlich auch Eltern, bei denen die (Für)-Sorge vollkommen berechtigt ist. So wie bei Diane Sherman.

von Cliff Brockerhoff

Diese lebt mit ihrer Tochter Chloe in einem idyllisch gelegenen Haus im kanadischen Winnipeg. Chloe selbst ist schwer gebeutelt vom Leben und leidet unter anderem an Diabetes, Asthma und Herzrhythmusstörungen, was letztlich dazu führt, dass der aufgeweckte Teenager jeden Tag dutzende Pillen zu sich nehmen muss und an einen Rollstuhl gefesselt ist. Im Alltag ist sie also auf die Unterstützung ihrer Mutter angewiesen, doch als Chloe eines Tages Medikamente entdeckt, die auf den Namen ihrer Mutter ausgeschrieben sind, beschleicht sie ein böser Verdacht, der das innige Verhältnis jäh untergräbt.

Die Grundpfeiler von „Run“ werfen den Zuschauer also in ein Konstrukt aus Familie, Abhängigkeit und bösen Überraschungen, allesamt eingefangen in kammerspielartiger Atmosphäre, denn der Thriller spielt, bedingt durch die Einschränkungen der jungen Protagonistin, zu weiten Teilen innerhalb des Hauses und vermittelt dem Betrachter so einen glaubhaften Eindruck von Chloes Art der „Gefangenschaft“. Uns normal erscheinende Dinge wie Treppen oder hohe Schränke sind für die junge Frau große Herausforderungen, denen sie sich konsequent mutig und ohne Anflug von Selbstmitleid stellt. Der schnell eintretende und eingangs beschriebene Twist zeichnet dann allerdings schnell ein anderes Bild. Aus dem Drama wird plötzlich ein Thriller, Vertrauen wandelt sich in Misstrauen und der Spannungsbogen erklimmt ungeahnte Höhen.

Innerhalb seiner knackigen 89 Minuten ist dabei nur selten Platz für Langeweile, denn der Fortschritt der Geschichte schreitet stetig voran und immer neue Entwicklungen und Entdeckungen halten das Level an Unterhaltung gekonnt hoch. Der Zuschauer kann miträtseln, mitfiebern und mitfühlen – allerdings mit ein wenig Kombinationsgeschick auch schnell hinter die Fassade schauen, die durch das Stilmittel der Vorausdeutung schon ganz zu Beginn des Film einen deutlich sichtbaren Riss erleidet. Generell lässt sich „Run“ eher als Psychothriller für Einsteiger einordnen, da er gar nicht erst versucht für großartige Verwirrung zu sorgen und seine Herangehensweise früh offenlegt und letztlich auch ausnahmslos jede Frage ohne Raum für Interpretation beantwortet. Das wird den Großteil der Zuschauer freudig stimmen, ist für das erfahrene Publikum aber womöglich eher ernüchternd.

Die großen Stärken liegen also weniger in der Komplexität oder gar Einzigartigkeit, sondern vielmehr in dem, was der Film in seinen Zuschauern auslöst. Wer sich an das von absolutem Vertrauen geprägte Verhältnis zu den eigenen Eltern erinnert oder gar schon selber als Elternteil fungiert, wird bei manchen Szenen ob der Unbarmherzigkeit erschaudern. Sarah Paulson, den meisten aus der Serie „American Horror Story“ bekannt, findet sich in vertrauten Genre-Gewässern wieder und hat somit keinerlei Probleme die Rolle der Mutter mit Leben und Manie zu bekleiden. An ihrer Seite fungiert Kiera Allen in ihrem mehr als beachtlichen Filmdebüt als schwerkranke Tochter. Dass die Schauspielerin seit 2014 tatsächlich an den Rollstuhl gefesselt ist, verleiht ihrer Porträtierung eine sehr authentische, wenngleich bittere Note.

Fazit

Der dem „Suspense“ zugehörige Thriller „Run“ erinnert nicht ganz unfreiwillig an Größen wie Alfred Hitchcock oder M. Night Shyamalan und erweist sich als perfides kleines Werk, das durch seine knackige Laufzeit und direkte Erzählstruktur enorm kurzweilig ist, im Mittelteil dann den typischen fiesen Twist in der Hinterhand hat, leider insgesamt aber auch schnell erahnbar wird und letztlich nur die wirklich zu überraschen weiß, die vorher noch nicht von Gypsy Rose und Dee Dee gehört haben. Wer sich dazuzählt, darf gerne einen Punkt zur Wertung addieren. Ab dem 15. Januar auf BluRay und DVD erhältlich, schon jetzt als video-on-demand streambar!

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(64/100)

Bilder: ©Hulu/Leonine

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