Seit 2 Wochen ist die filminteressierte Öffentlichkeit Österreichs Zeuge eines zumindest in jüngerer Vergangenheit einmaligen Vorgangs: Hier, im Land des (Minimal-)Kompromisses, steht der „Verband Filmregie Österreich“, die Vertretung der Regisseurinnen und Regisseure der Nation, vor (oder schon nach?) der Spaltung. Eingeweihte wussten schon länger Bescheid, dass im Hintergrund Konflikte schwelen, öffentlich wurde der Austritt von 42 Regisseurinnen durch einen APA-Artikel, den diverse Medien am 25.10. übernahmen (Auszüge davon finden sich auch in unserem Artikel). Bemerkenswert ist dieser Vorgang insofern, da die Filmbranche (oder große Teile der Kunstbranche überhaupt) an sich meist sehr homogen auftritt, ähnliche Interessen vertritt und nach außen trägt und große Meinungsvielfalt – zumindest in der Außendarstellung – sonst eher nicht ihre Sache ist.

von Christian Klosz

Bei der Recherche zu den Gründen und Hintergründen für diesen Vorgang, der jeden (österreichischen) Filmfan stutzig oder betroffen machen muss, ergeben sich mehrere Probleme: Es gibt gewisse Erklärungsansätze (siehe unten), die man zwischen den Zeilen hören und lesen kann, wenn man sich eingehend mit der Materie beschäftigt, auch die (Nicht-)Reaktion oder ausweichende Minimal-Statements vieler direkt Betroffener sind ein Indikator für die Tiefe der Risse, die inzwischen durch die Regie-Branche gehen. Man findet einerseits sehr aussagekräftige öffentliche Statements in Sozialen Medien, aber etwa nicht das „Manifest“ der ausgetretenen Fraktion „#dieregisseur*innen“, das im APA-Beitrag zitiert wird. Vom Verband Filmregie selbst gibt es inzwischen immerhin ein öffentliches Statement, das die Sicht aus dieser Perpektive darlegt (siehe unten).

Wir haben uns in den letzten Tagen und Wochen bemüht, Statements von beiden Seiten einzuholen, um den Konflikt auch für Außenstehende sichtbar und verständlich(er) zu machen und einen Anstoß zur erneuten Annäherung der offenbar verfeindeten Fraktionen zu geben, allein: Das Interesse daran scheint gering. Kontaktiert wurden dabei unter anderem:

Fraktion „#dieregisseur*innen“:

Eva Spreitzhofer: kein persönlicher Kommentar, „fühlt sich vom Verband nicht mehr vertreten“

Marie Kreutzer: ausführliches Statement, siehe unten

Michael Palm: keine Antwort

Fraktion „Verband“:

Arman T. Riahi: Anfrage, Ankündigung eines Statements, bisher nichts erhalten

Kurdwin Ayub: keine Antwort, aber (bis kürzlich) öffentliches Statement auf Facebook (siehe unten)

Gregor Schmidinger: kann/möchte nichts dazu sagen, weiß vieles nur vom „Hören-Sagen“, Verweis auf andere Kolleg/innen

Severin Fiala / Veronika Franz: drehen gerade, daher keine „Kapazitäten“ für ausführliche Statements

Kurtz Langbein: ist laut Eigenaussage derzeit „mit anderen Themen befasst“

Nikolaus Geyrhalter: keine Antwort

(die unterschiedliche Anzahl der Anfragen ergibt sich aus der Größe der Fraktionen)

Der Überblick über die Reaktionen zeigt, dass es so nahezu ünmöglich ist, sich dem Kern des spaltenen Konflikts anzunähern oder ihn ausführlicher aus subjektiver Sicht der Regisseur/innen darzustellen, was unser Ziel gewesen wäre. Beide Seiten scheinen sich mit Argusaugen zu belauern, wie auch schon von anderen Kommentatoren (etwa im Standard, in der SZ) festgestellt wurde, und halten sich mit öffentlichen Statements zurück, sei es aus Sorge, Angst, Berechnung oder aus dem Wunsch, den Konflikt nicht weiter eskalieren zu lassen.

Die Hintergründe

Die Hintergründe des Konflikts erschließen sich zwischen den Zeilen bisher öffentlicher Statements und durch Recherche der Vorgänge der letzten Monate. Es ergibt sich folgendes Bild: Der Grund für den jüngsten Konflikt, der bei der letzten Sitzung des Verbands Ende September eskalierte, scheint – neben anderen, teils persönlichen Animositäten, die seit Jahren herrschen mögen – ein Streit über eine neue Geschlechterquoten-Regelung bei der Fördermittelvergabe zu sein. Das ÖFI (Österreichisches Filminstitut) beschloss im Frühjahr einen neuen Modus, der darauf hinausläuft, dass Filmförderung in Zukunft nach der Quote 50:50 zu erfolgen habe, sprich: 50% des Budgets für weibliche Regisseurinnen, 50% für männliche, unabhängig von der Zahl der Einreichungen. Es geht also ums Geld, von dem dann Regisseurinnen, ob der zahlenmäßigen Unterlegenheit, mehr zur Verfügung stehen würde und Regisseuren weniger.

Der Verband Filmregie präferierte ein anderes Modell, das sich an der Zahl der Einreichungen orientiert: Kommen 40% der Einreichungen von Frauen, sollen dafür 40% des Mittel aufgewendet werden, die restlichen 60% für die Einreichungen männlicher Regisseure. Die Mehrheit des Verbandes schien dieses Modell bevorzugt zu haben, außer die rund 40 „Ausgetretenen“, die sich dagegen wehrten und in der Ablehnung des 50/50-Modells einen Ausdruck mangelnden Respekts und mangelnder Sensibilität bezüglich Geschlechtergerechtigkeit erkennen, bis hin zum Vorwurf des Sexismus und der Ausgrenzung (siehe unten). Und für ihr Anliegen schließlich keinen anderen Weg als die Sezession mehr gesehen haben.

Man muss hier vollständigkeitshalber anmerken, dass nicht alle Regisseurinnen der Verband verlassen haben, es also durchaus weibliche Filmschaffende gibt, die das Verbands-Modell präferieren und die Anliegen der Gruppe „dieregisseur*innen“ nicht teilen (oder schlicht mit dem Konflikt nichts zu tun haben wollen) : Im sechsköpfigen Vorstand sind das u.A. Kurdwin Ayub und Veronika Franz („Ich seh ich seh“, „The Lodge“), darüber hinaus Jessica Hausner („Little Joe“), Ruther Mader, Evi Romen („Hochwald“), Lisa Weber oder Sandra Wollner („The trouble with being born“) (laut der Website des Verbands).

Gleichwohl finden sich auf der Seite der Sezessionistinnen ebenso prominente Namen wie Ruth Beckermann („Waldheims Walzer“), Sabine Derflinger („Die Dohnal“, „Anna Fucking Molnar“), Eva Spreitzhofer („Womit haben wir das verdient?“), Marie Kreutzer („Der Boden unter den Füßen“), Mirjam Unger oder Elisabeth Scharang (Anm.: wobei nicht alle Teil der aktuellen Austrittswelle waren, Derflinger – bereits vor Jahren – und Kreutzer – laut Eigenangabe im Frühjahr – etwa waren schon früher ausgetreten).

Auch männliche Regisseure finden sich auf dieser Seite, etwa Michael Palm. Die Namen im Detail lassen sich nirgends nachvollziehen, aber von beiden Seiten ist von 42 Personen die Rede, die die Sezessionisten-Gruppe umfasst. Die laut „Eigenzählung“ der Ausgetretenen kolportierte Schätzung, dass rund 90% aller weiblichen Regisseurinnen seit 30.9.2021 der Verband Filmregie verlassen hätten, stimmt jedenfalls so nicht, da sich laut Verbands-Website noch 14 Regisseurinnen im Verband befinden. Zieht man von den 42 Ausgetretenen die (zumindest) 2 bekannten Männer und die (zumindest 2) schon früher Ausgetretenen ab, bleibt eine Zahl von insgesamt 54 Regisseurinnen, von denen sich (höchstens) 38 kürzlich abgespalten haben. Das ergibt einen Prozentsatz von 70.

Zurück zum offenbar zentralen Konflikt, die (bzw. welche) Quote: Nachdem das ÖFI im Frühjahr die 50/50-Regelung beschlossen hatte, was offenbar von der Mehrheit des Regieverbands nicht befürwortet wurde, ging es danach um die (Neu-)Besetzung eines Aufsichtsratsposten im ÖFI, den der Verband vorschlagen darf. Anstatt der bisherigen Aufsichtsrätin Elisabeth Scharang, eine der nunmehrigen Sezessionistinnen, wurde vom Verband David Schalko nominiert. Dieser Vorschlag wurde von der Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne) übernommen. Von Seite der Sezessionistinnen wird dem Verband nun vorgeworfen, diese Wahl gezielt lanciert zu haben, um die 50/50-Quote im Aufsichtsrat bekämpfen zu können, von Seite des Verbands heißt es, das wäre ein ganz normaler Vorgang, eine Person vorzuschlagen, die eine Mehrheit hinter sich hat.

Die #regisseur*innen werfen dem Verband nun explizit Sexismus und Desinteresse an gleichberechtigter Repräsentation vor, einzelne Mitglieder des Verbandes weisen das strikt zurück und werfen im Gegenzug der Gegenseite einen „spalterischen Geist“ und „Desinteresse an demokratischen Prozessen“ vor: Tiefe Gräben und ein unüberwindbarer Konflikt, wie es scheint, was am Ende nicht nur beiden Parteien und den Regisseurinnen und Regisseuren schadet, sondern insgesamt dem Ansehen des österreichischen Films.

Statements:

Bisher haben wir nur ein ausführliches persönliches Statement bekommen, bezeichnenderweise von einer Regisseurin, die im aktuellen Konflikt nicht involviert ist. Kurzstatements bzw. die Gründe für diese wurden oben bereits dargestellt. Sollten uns weitere Beiträge erreichen, werden wie diese gerne an dieser Stelle als Diskussionsbeiträge einfügen. Ergänzt wird die Darstellung folgend durch öffentliche Äußerungen der abgespaltenen Gruppe, durch eine Presseaussendung der Verbands und durch ein bis vor kurzem öffentliches FB-Statement eines Vorstand-Mitglieds.

Von Seite der „#regisseur*innen“ (aus der APA-Meldung vom 25.10.):

„Es ist an der Zeit, eine filmpolitische Ära einzuläuten, die auf Gleichberechtigung, Transparenz und gegenseitigem Respekt beruht. (…) Eine lange Geschichte an Ausgrenzung, Intransparenz und respektlosem Umgang nach innen hat die politische Schlagkraft des Verbands Filmregie als wichtige Interessensvertretung der österreichischen Kinofilmregisseur*innen nach außen geschwächt. (…) wenn schon nicht zu einer progressiven, so doch wenigstens zu einer kollektiv-solidarischen Position.“

Statements des Verbands Filmregie Österreich (via APA-Meldung am 29.10.):

„Der Verband Filmregie, die größte Interessenvertretung der Filmregisseur:innen in Österreich mit zuletzt rund 140 Mitgliedern, hatte zwischen 10. und 14. Oktober 2021 rund 40 Austritte zu verzeichnen, mehrheitlich von Regisseurinnen.

Wir bedauern diese Austritte enorm, die offenbar auf die jahrelange verbandsinterne Diskussion um eine Geschlechterquote in der österreichischen Filmförderung, die Art ihrer Ausgestaltung sowie die Neubesetzung einer Aufsichtsratsposition im Österreichischen Filminstitut zurückzuführen sind.

Im April 2021 wurde die 50/50-Geschlechterquote (“BMKÖS Modell”) mit großer Mehrheit vom Aufsichtsrat des Österreichischen Filminstituts beschlossen und trat mit 1. Juli 2021 in Kraft. Dieses Modell, das innerhalb des Verbands umstritten war, ist also in den Förderrichtlinien verankert und soll sich nun in der Praxis bewähren.

Wir möchten festhalten, dass unser Verband trotz dieser schmerzlichen Austritte eine pluralistische Interessenvertretung ist, die eine große Mitgliederdiversität sowie unterschiedliche künstlerische und gesellschaftspolitische Positionen vertritt. Der Verband Filmregie handelt durch seinen sechsköpfigen, ehrenamtlichen Vorstand, der jährlich neu in der Generalversammlung bestellt wird und damit demokratisch legitimiert ist. In den vergangenen fünf Jahren setzte sich dieser Vorstand in wechselnden Konstellationen aus rund zwanzig verschiedenen Mitgliedern zusammen, wobei Männer und Frauen gleich stark vertreten waren.

Der neu gewählte Vorstand erkennt, dass es verbandsintern Diskussions- und Handlungsbedarf gibt. Das betrifft nicht nur eine notwendige Modernisierung der Verbandsstrukturen, sondern auch eine Erneuerung kollegialer und gemeinschaftlicher Zusammenarbeit, um die unterschiedlichen Positionen zu definieren und jahrelang aufgestaute Konflikte auszuräumen.

Aufgrund der Austritte haben wir beschlossen, Ende November zu einer Mitgliederversammlung einzuladen. Unsere Einladung richtet sich insbesondere an die nun ausgetretenen Mitglieder, eine gemeinsame Zukunft im Verband zu initiieren und konstruktiv mitzugestalten. Gemeinsam sind wir gefordert, uns zu engagieren und an der Erneuerung und Gestaltung unserer Interessenvertretung mitzuwirken.“

Persönliches Statement von Marie Kreutzer (am 25.10., via Mail)

„Ich bin bereits im Mai dieses Jahres aus dem Verband Filmregie ausgetreten, bin also nicht Teil der aktuellen Austrittswelle. Ich denke jedoch, dass viele meiner Kolleg*innen ähnliche Gründe für ihren Rückzug aus dem Verband hatten.

Ich bin seit Jahren im Drehbuchverband tätig und habe dessen Arbeit immer als sehr sachlich, konstruktiv und auch produktiv wahrgenommen. Vieles wurde in diesen Jahren für die Drehbuchautor*innen verbessert. Vergleichbares habe ich im Regieverband immer vermisst. Mein Eindruck war immer, dass die internen Konflikte mehr Raum einnehmen als die gemeinsamen Interessen. In den letzten anderthalb Jahren hat sich auch der Eindruck verfestigt, dass der Vorstand des Regieverbands nicht immer transparent und demokratisch gearbeitet hat, dass es hier andere Auffassungen von einer Interessensgemeinschaft gibt, als ich sie habe. Ein letzter Auslöser für meinen Austritt war schließlich die im Regieverband hoch emotional geführte Diskussion um die Einführung einer Geschlechterquote in der Filmförderung. Ich war von den Aussagen vieler Kolleg*innen entsetzt. Wie soll ich mich von einem Verband vertreten fühlen, der 2021 nach außen und innen gegen die Gleichstellung der Geschlechter arbeitet?

Je mehr ich arbeite, je voller mein Leben ist, desto wichtiger wird es mir auch, mich nur dort einzubringen, wo es für mich sinnvoll und produktiv ist. Der Regieverband erfüllt das nicht.“

Öffentliches Statement von Vorstands-Mitglied Kurdwin Ayub auf ihrer FB-Seite (seit Mitte Okt. öffentlich, vor kurzem offenbar gelöscht/privat gestellt) (in Auszügen, Tippfehler übernommen)

„Vielleicht gibt es auch andere Seiten. Vielleicht stimmen die Vorwürfe nicht. Hat mich jemand angerufen? Mich gefragt? (…) Hat jemand von euch daran gedacht dass diese vielen emails mit teilweise furchbaren vorwürfen an mich gehen? Nicht persönlich nehmen, geht nicht. Wieso zieht ihr alle mit ohne nur mal nachzufragen was da los ist? (…) Ich bin eine frau, wie können frauen so verletzend zu anderen sein? (…) Schämt euch. Für den feminsmus über leichen zu gehen. Ich weiß schon, für Revolution müssen menschen auch ihr leben lassen, unter die räder kommen. Ich bin drunter gekommen. (…) Ist das noch feminismus? Oder ist das nur noch angst vor Diskreditierung?

Niemand hat nachgefragt. Ich habe nichts falsch gemacht. Wir im vorstand auch nicht. (…) Warum tut ihr das? Ohne zu fragen? Dem ganzem verband sexismus vorzuwerfen ist ja, passt schon. Wie ihr wollt. Aber alle in einen topf werfen? Es gibt so viele coole menschen, ob frau oder mann, die da noch drin stecken. Kommen einfach so unter die räder. (…) Das mag ich nicht zulassen. Feminismus ist für Gleichberechtigung kämpfen. Was ihr macht, versteh ich nicht.“

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Anm. der Redaktion: Dieses Beitrag und die Recherche dazu geschah aus ernsthaftem Interesse, einen Konflikt und eine Situation nachzuvollziehen, die aus Sicht eines begeisterten Cineasten schwer bis nicht zu verstehen ist, sie unseren Leser/innen zu erklären, aus möglichst vielen Perspektiven. Und mit dem Ziel, vielleicht einen kleinen, winzigen Beitrag dazu zu leisten, damit sich beide Parteien wieder in die Augen schauen können. Die Brüche und Risse scheinen hier aber zu tief zu sein, auch zwischen und durch lange (berufliche) Freundschaften zu gehen.

Die letzten 2 Wochen und die Versuche, unsere Anliegen als Medium zu kommunizieren, waren mehr als zermürbend und lassen nur den Schluss zu, dass es derzeit keine Möglichkeit zum Kompromiss oder gar zur „Versöhnung“ gibt. Wie sich das auf die (berufliche) Zukunft der Protagonisten und Protagonistinnen (und ihre Filme?) bzw. die Branche als Ganzes auswirkt wird sich erst zeigen müssen. Sollten uns in Folge der Veröffentlichung dieses Artikels weitere Statements (oder Ergänzungen, Korrekturen in Bezug auf diesen) erreichen, werden wir diese gerne im Beitrag einfügen. Ansonsten gilt: Wenn kein Reden mehr hilft, bleibt nur noch Schweigen.

Titelbild: Verband Filmregie / Fotomontage