Typisch französische Wohlfühlkomödie mit Herz und Hirn über ein aus den Fugen geratenes Weihnachtsfest – „Fast perfekte Weihnachten“ startet jetzt im Kino
von Christian Klosz
Vincent und Beatrice Barand sind ein typisches Ehepaar in den Endfünfzigern. Die 3 Kinder sind bereits aus dem Haus, und das Paar plant, die letzten paar Jahre vor der Rente gut zu überstehen. Trotz einer intakten Ehe haben beide mit dem Älterwerden zu kämpfen und sorgen sich, dass sie sich gegenseitig langweilen oder auf die Nerven gehen könnten.
Als alle Kinder samt Enkeln den weihnachtlichen Besuch aus verschiedenen Gründen absagen, wollen Vincent und Beatrice gleich das Fest platzen lassen: Baum braucht man keinen, der Truthahn bleibt im Gefrierfach – denn zu zweit feiern zahlt sich nun wirklich nicht aus. Da aber kommt Vincent bei der Ansprache des Pastors in der Christmette eine Idee: Man könnte doch eine/n Bewohner/in eines Altenheims zu sich nach Hause einladen, um das Fest gemeinsam zu feiern. So vollbringt man zweifelsohne eine gute Tat, bereitet jemandem eine Freude – und die Feierlichkeiten müssen nicht allein zu zweit begangen werden. Das Senioren-„Casting“ stellt sich als schwieriger heraus, als gedacht, doch schließlich bringt Vincent die rüstige Monique mit nach Hause. Anstatt eines gemütlichen, besinnlichen Abends voller Andacht und Nächstenliebe bringt die ältere Dame den Haushalt der beiden aber ordentlich durcheinander, umso mehr, als auch noch ihre äußerst rabiate Freundin Jeanne dazukommt…
Ein Weihnachtsfilm mit Herz und Hirn
„Fast perfekte Weihnachten“ lässt sich kurz als amüsanter Weihnachtsfilm mit Herz und Hirn bezeichnen, der das Genre der „französischen Komödie“ solide beackert. Auf den ersten Blick leicht, beschwingt, zugänglich und „easy to watch“, offenbart der Film – wie viele der besseren Vertreter dieser Filmgattung – (emotionale) Tiefe und Intelligenz. Lebensweisheiten werden auf bekömmliche Art und Weise und mit Charme präsentiert, gezuckert wird alles mit feinem Humor, der das eine oder andere Mal laut auflachen lässt.
Regisseur Clement Michel zeichnet auch für das Drehbuch des Films verantwortlich, das sich durch genaue Beobachtungskunst und Dialoge voller Esprit auszeichnet. Im Zentrum der Handlung von „Fast perfekte Weihnachten“ steht die Frage, wie sich mit den diversen Begleiterscheinungen des Älter-Werdens umgehen lässt. Die Herausforderungen der Familie Barand in der zweiten Lebenshälfte sind mannigfaltig: Beatrice hadert (völlig zu Unrecht) mit ihrem Erscheinungsbild, das von den beiden Besucherinnen aus dem Altenheim noch dazu äußerst uncharmant kommentiert wird. Vincent hadert eher damit, dass das Weihnachtsfest plötzlich nicht mehr so ist, „wie es immer war“ und „wie es sein sollte“: Die Familie ist nicht zusammen, sondern in alle Himmelsrichtungen verteilt, mit bemühter Fassung versucht er das Unglück dieser schmerzhaften Veränderung zu tragen, um ihr zugleich wieder entkommen zu wollen.
Veränderung und Chaos als Funke zur Entwicklung
„Fast perfekte Weihnachten“ funktioniert dramaturgisch als Planspiel, das durch die Addition von unbekannten Variablen aus den Fugen gerät und eine gänzlich andere Richtung nimmt: Die beiden „Miet-Gäste“ aus dem Altenheim bringen erst die gewohnten Abläufe im Haushalt Barand durcheinander, verursachen dann komplettes Chaos, bis das Ehepaar durch dieses Rütteln an eingefahrenen Strukturen Läuterung erfährt und eine Charakterentwicklung durchmachen darf, die sonst nicht möglich gewesen wäre. Insofern erzählt die clevere Komödie auch von den kleinen Entscheidungen – und Zufällen – im Leben, die beachtliche Auswirkungen haben können; davon, dass auch Konflikt seine positiven Seiten hat und Lernprozesse anstoßen kann.
Neben dem klug konstruierten Plot und den dynamischen Dialogen tragen die Darsteller/innen „Fast perfekte Weihnachten“: Die vier Hauptfiguren werden jeweils auf sehr solide und glaubhafte Art verkörpert, wobei Emmanuelle Devos als die impulsive Beatrice und Danielle Fichaud als nach außen harte Jeanne mit weichem Kern besonders überzeugend agieren.
Fazit
„Fast perfekte Weihnachten“ ist ein ansehnlicher Weihnachtsfilm mit Witz und Charme, der eine auf den ersten Blick nicht zu erwartende, emotionale Tiefe offenbart. Zum Klassiker wird es wohl nicht ganz reichen – aber der Film gehört bestimmt mit zum Besten, was aus der leidigen Gattung des Feiertagsfilm dieses Jahr zu erwarten ist. Seit 8.12. im Kino.
Bewertung
(74/100)
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Bilder: © Splendid Film
