Seit Ende letzter Woche ist „Stillstand“, die neue Dokumentation von Nikolaus Geyrhalter, in der er Wien in der Frühphase der Corona-Pandemie abbildet, im Kino zu sehen. Szenen von leergefegten Straßen und Interviews mit Personen aus vielen unterschiedlichen Schichten und Realitäten bilden den filmischen Rückblick auf eine krisenhafte Zeit, die einen Bruch mit unser aller Alltag darstellte.

Mit „Stillstand“ handelt Geyrhalter („Matter out of Place“) wohlgemerkt nicht nur die bekannten Pandemie-Trademarks ab, sondern stellt die Menschen, die sie erleben in den Vordergrund. So folgen wir einer Schulklasse, die kurz vor der Matura steht, mehreren ÄrztInnen und PflegerInnen, einem Logistikarbeiter auf dem Wiener Flughafen und vielen mehr durch zwei aufwühlende und anstrengende Jahre.

von Cedric Baumann

Besonders präsent dabei ist immer die Menschlichkeit. „Stillstand“ informiert nicht mit langen Voice-Overn oder Texttafeln, sondern lässt die Erlebnisse seiner Subjekte in emotionalen, ehrlichen und teils sehr lustigen Interviews für sich sprechen. Dabei bekommen wir Einblick in viele Bereiche des täglichen Pandemie-Lebens. Highlights dieser faszinierenden Einblicke sind beispielsweise Szenen aus den Massentest-Zentren von Lead Horizon, die schon erwähnten regelmäßigen Updates einer Schulklasse, die von Home-Schooling zu Vor-Ort-Unterricht und zurück wechseln muss und ein Balkonkonzert von Austropop-Legende Ernst Molden.

Im Nachhinein gesehen sind viele erschreckend zutreffende Zukunftsvorhersagen einiger Interviewter auch besonders lustig anzusehen. So beispielsweise ein Wiener Politiker, der sich bei einem Telefonat auf der Donauinsel im Sommer 2020 schon sicher ist, welche Regelungen nur eingeführt werden, um im Winter den Ski-Tourismus zu ermöglichen.

Stillstand Film Corona

Diese Mischung aus subjektiv-menschlichen Einblicken mit ernsten Thematiken wie ein faszinierendes Gespräch mit einem Wiener Bestatter, der auch zu Hochzeiten der Pandemie seinen Schmäh nicht zu verlieren scheint, machen aus „Stillstand“ eine ganz besondere Zeitkapsel.

Zwischen diesen herzlichen und spannenden Szenen zeigt uns Geyrhalter auch den titelgebenden Stillstand. Leere Straßen, Hallen, Landebahnen, Schwimmbäder etc. erinnern uns an eine Zeit, die manche aus ihrem Gedächtnis bereits verdrängt haben und ordnen die Geschichten der Erzählenden in den mentalen Pandemie-Zeitstrahl ein. Stellvertretend für die Kulturindustrie steht bei „Stillstand“ übrigens das Wiener Gartenbaukino, dessen Geschäftsführer immer wieder über aktuelle Herausforderungen für die Kinos und Filmindustrie spricht.

Fazit

Eine Dokumentation über solch eine schwere, belastende Zeit anzuschauen, mag für einige etwas Überwindung kosten. Doch vielleicht gerade, weil die Lust auf ein erneutes Beschäftigen mit der immer noch (wenn auch in anderer Form) herrschenden Corona-Pandemie bereits erloschen ist, ist „Stillstand“ eine perfekte Gelegenheit, um aus einer anderen Perspektive auf sie zu schauen. Mit seinem herzlichen, spannenden und vor allem menschlichen Rückblick will Geyrhalter hier nämlich keineswegs einen Schlussstrich ziehen, sondern uns an unseren Zusammenhalt und unser Durchhaltevermögen erinnern.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

90/100

Bilder: (c) Stadtkino Filmverleih