Das alte Jahr ist vorbei, wir starten in ein neues, in der Hoffnung, es möge besser werden, auch filmtechnisch. Denn neben dem „Barbenheimer“-Wahnsinn war das Filmjahr 2023 von vielen Enttäuschungen geprägt, qualitativ fragwürdiger Filmware, wenig echter Filmkunst und zahlreichen Flops prestigeträchtiger Projekte („The Marvels“, „The Flash“, „Blue Beetle“, „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“) , die insbesondere die großen Studios in arge Bedrängnis brachten und die Filmlandschaft nachhaltig verändern könnten. (Lesetipp: Die 10 größten Flops des Filmjahres 2023)

Daneben gab es natürlich auch einige Lichtblickte, Filme (und Serien), die uns packten, forderten, zum Nachdenken anregten, unterhielten. Der „Retro/Nostalgie-Trend“ setzte sich fort und manifestierte sich in einigen echten Highlights („Air“, „Tetris“, „BlackBerry“ etc.). Und während alte und etablierte Filmikonen (Martin Scorsese – „Killers of the Flower Moon“, Steven Spielberg – „The Fabelmans“, Christopher Nolan – „Oppenheimer“, David Fincher – „The Killer“) bewiesen, dass sie es immer noch können, machten auch neue Stimmen auf sich aufmerksam (allen voran Celine Song mit dem wunderbaren Debüt „Past Lives“).

Folgende Liste ist das Ergebnis unseres redaktionsinternen Abstimmungsprozesses: Unserer Kritiker/innen reichten ihre jeweils TOP 15 Filme (+Serien, wir zählen Serienstaffeln als „Langfilme“) des Jahres 2023 ein (Erstveröffentlichung im Kino, Streaming oder Heimkino in Deutschland oder Österreich im Jahr 2023). Diese wurden mit Punkten versehen (Platz 1: 15 Punkte, Platz 2: 14 Punkte usw.) und die Punkte aus den jeweiligen Listen wurden addiert. Daraus ergab sich folgende Reihung.

Das sind die Lieblingsfilme der Film plus Kritik – Redaktion des Jahres 2023!

(Teilgenommen an der Abstimmung haben: Cedric Baumann, Lena Wasserburger, Natascha Juracsik, Richard Potrykus, Cliff Lina, Christian Klosz)

10. The Consultant – 17 Punkte

zu sehen auf Amazon Prime Video

Verworrene Story, Spannung, Mystery und Christoph Waltz als absoluter Scene Stealer

Neue Serie, die sich mit viel Stil und schwarzem Humor der Frage widmet, wie weit man für einen stabilen Arbeitsplatz gehen würde. Drehbuchautor und Produzent Tony Basgallop („Servant“, „Teachers“) bringt den Roman von Bentley Little, in dem eine jungen Videospiele-Firma nach dem Tod ihres Gründers von einem mysteriösen neuen Geschäftsführer übernommen wird, auf die Bildschirme. Christoph Waltz brilliert darin als teuflischer und dubioser neuer Chef. Wer sich auf den satirischen Ton einlässt, wird jedenfalls auf seine Kosten kommen. (nj)

– > Serien-Kritik

(c) Amazon Studios

9. Air – 18 Punkte

zu sehen auf Amazon Prime Video

Ben Affleck beweist sein Talent als Filmemacher und liefert mit dem erzählerisch etwas durchwachsenen, aber höchst unterhaltsamen Produkt-Biopic das Retro/Nostalgie-Guilty Pleasure der Saison

In 112 Minuten erzählt „Air“ die Geschichte des Air Jordan, des wohl berühmtesten Schuhs der Geschichte. Regisseur Ben Affleck schafft eine Atmosphäre, die den Film schnell vom Sport(-schuh)drama abhebt, wodurch er Relevanz erhält. Auf einmal geht es nicht mehr um wirtschaftliche Sicherheiten oder um das Wunderkind mit dem Basketball. Plötzlich geht es um “Identität” und das Risiko, dass nur der gewinnt, der etwas wagt. Der Satz “Ein Schuh ist nur ein Schuh, bis ihn jemand anzieht” wird zu einer Art Mantra und der Schuh als Ware wird ideologisch aufgeladen. Jordan selbst wird entmenschlicht und mystifiziert. Aus dem Sportler wird ein Zeitgeist, eine Idee. Und dann ist sie auf einmal da, die Vision vom ganz großen Geld. (rp)

-> Film-Kritik

8. Roter Himmel – 19 Punkte

Der neue Film von Christian Petzold: Die Freunde Leon und Felix fahren im Sommer an die Ostsee in ein idyllisches Ferienhaus. Dort erhalten sie unfreiwillig mit Nadja und David zwei Hausgäste. In den heißen Sommernächten steigt nicht nur die Temperatur, sondern auch die Gefühle der jungen Erwachsenen erhitzen sich. Doch dann geraten die Waldbrände um sie herum außer Kontrolle.

7. Guardians of the Galaxy Vol. 3 – 21 Punkte

James Gunns Abschluss seiner Trilogie setzte auf Bewährtes, konnte GOTG-Fans überzeugen und bescherte Marvel seinen einzigen Kinoerfolg des Jahres

“Guardians Vol. 3” ist nicht nur der erwachsenste Film der Trilogie, sondern auch der beste. Er erfüllt die Erwartungen an einen dritten Teil dieser Reihe vollends. Wer die ersten beiden Teile mag, wird Teil 3 lieben. (rp)

-> Film-Kritik

ex-aequo mit

In der Nacht des 12. – 21 Punkte

Ungewöhnlicher, sehenswerter französischer Kriminalfilm, den es bei uns nur als direct-to-Video-Release gab

“In der Nacht des 12.” beginnt mit der ernüchternden Botschaft, keine Lösung zu liefern, portraitiert die Polizeiarbeit und zeigt auf, dass immer und überall Menschen involviert sind. Der Film grenzt an ein Sittengemälde und zwingt das Publikum, zu reflektieren. Und so zieht er immer größere Kreise, zeigt auf, dass ein üblicher, stringenter Krimi zwar spannend ist, aber die Realität stark verkürzt, und stößt schließlich in die Metaebene von Ursache und Schuld vor. “In der Nacht des 12.” schließt mit stummen Sätzen – und der fehlenden Erlösung. (rp)

-> Film-Kritik

6. Past Lives – 22 Punkte

Das zweifelsohne bemerkenswerteste Regie-Debüt des Jahres: Celine Song gelang mit „Past Lives“ ein vor allem emotional enorm vielschichtiges, erwachsenes Drama über eine nicht gelebte Romanze. Ein Funken Hoffnung für den Autorenfilm.

(c) Twenty Years Rights LLC

5. Killers of the Flower Moon – 24 Punkte

Zäh, fordernd – und trotzdem zwingend: Martin Scorseses Epos über die USA, die Natives, den Beginn des modernen Kapitalismus, Ignoranz, Schuld und Mitläufertum

“Killers of the Flower Moon” ist schwere Kost, formal erstklassig umgesetzt, inhaltlich enorm fordernd. Scorsese befasst sich erneut mit seinem Lieblingsthema “Schuld”. Vergebung gibt es auch diesmal keine, die “Sünde” des Protagonisten ist diesmal weniger “Gier” (wie oft in Scorseses Mafia-Filmen), sondern Ignoranz, Dummheit, Trägheit. Die Konsequenz bleibt dieselbe: Ein Leben in der Verbannung der Einsamkeit. Ein Film, der schwer im Magen liegen bliebt.

-> Film-Kritik

ex-aequo mit

The Bear / Staffel 2 – 24 Punkte

zu sehen auf Disney+

Staffel 2 von Christopher Storers Serienhit setzt fort, was Staffel 1 begonnen hatte – und landete damit erneut in unseren Top 5 (wie Staffel 1 im letzten Jahr)

Auch in Staffel 2 überzeugt „The Bear“ auf allen Ebenen. Eindringliche Dialoge, dynamische Kameraführung, begabte Schauspieler und viel bedeutungsreicher Subtext führen die Handlung rund um das Restaurantteam von Chef Carmy auf gelungene Art weiter. (nj)

-> Serien-Kritik

4. Die Fabelmans – 29 Punkte

Steven Spielberg bringt seine Vergangenheit in die Gegenwart: Ein wunderbar realisierter, autobiografischer Film, der auch von der positiven Kraft des Mediums Film erzählt

Im Kern ist “Die Fabelmans” nicht nur eine charmante Liebeserklärung an die Kunst des Filmemachens, sondern auch eine emotionale Familiengeschichte, in der Steven Spielberg ausgiebig in Kindheitserinnerungen schwelgt. Ein Versuch, seine Liebe für Film mit dem Publikum zu teilen, aber auch eine persönliche Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, eine therapeutische Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. (lw)

-> Film-Kritik

(c) Storyteller Distribution Co. / UPI

ex-aequo mit

Der Killer – 29 Punkte

zu sehen auf Netflix

David Finchers zynische Abrechnung mit der Gegenwart: Düster, aber filmtechnisch brillant umgesetzt

“Der Killer” ist ein formal minimalistisches, aber inhaltlich dichtes Werk, erstklassig inszeniert, das das Potential hat, mit der Zeit zu wachsen und in einigen Jahren – so wie “Fight Club” für das “Millenium” – als einer der prägenden Filme einer Epoche (der sich im Zerfall befindliche Spätkapitalismus) zu gelten. (ck)

-> Film-Kritik

(c) Netflix

3. Spider-Man: Across the Spider-Verse – 39 Punkte

Teil 2 der Animations-Adaption konnte den bereits hochgelobten Teil 1 noch übertreffen und wird als beste Superhelden-Adaption 2023 in die Annalen eingehen

“Spiderman: Across the Spiderverse” ist über zwei Stunden erfrischende und optisch kreative Unterhaltung, die einfach Spaß macht. Um es knapp und ohne große Umschweife zusammenzufassen: Der Film ist das, was das MCU-Multiverse immer sein wollte. (lw)

-> Film-Kritik

(c) 2022 CTMG

2. Barbie – 43 Punkte

Pink, bunt, schrill, überdreht, satirisch und dabei eigentlich gar nicht so kontrovers, sondern verbindlich: Greta Gerwigs „Barbie“ war der Film, auf den sich 2023 (fast) alle einigen konnten

Die Spielfreude ist groß, die Optik ist einzigartig und der Erzählfluss ist rund: Zwischen Schönheitsidealen und Selbstzweifeln ist Greta Gerwigs schrilles Spielzeug-Spektakel ein Film für Nostalgiker. Ein schräges Werk voller emotionaler Vielfalt und mit einem Ryan Gosling in Höchstform. (cl)

-> Film-Kritik

Barbie
(c) Warner Bros.

1. Oppenheimer – 49 Punkte

Christopher Nolan gelang mit „Oppenheimer“ sein bisher vielleicht „erwachsenster“ Film, der brillantes Filmemachen mit (historisch relevanter) Erzählkunst vereint

“Oppenheimer” ist kein Film, er ist eine Erfahrung und schlägt auf außergewöhnliche Weise die Brücke zwischen Blockbuster-Kino und Arthouse. Die Techniken, mit denen der Film erstellt wurde, die Lichtkomposition, Soundtrack und Sounddesign und nicht zuletzt die Kameraführung machen den Film zu einem Erlebnis, das einen nicht so leicht wieder loslässt. (rp)

-> Film-Kritik

(c) Universal Pictures