Die Popularität des Horror-Genres ist derzeit auf einem Allzeithoch. Dabei ist der entscheidende Vorzug jener Gattung, dass sie oft neuen Filmemachenden erlaubt, sich kreativ auszutoben. Das kann schiefgehen – oder aber innovative Meisterwerke ermöglichen. Mit „Obsession – Du sollst mich lieben“, der aktuell in aller Munde ist, fällt Curry Barker definitiv in letztere Kategorie. Sein Kinodebüt erscheint ab dem 25. Juni 2026 endlich auch im deutschsprachigen Raum auf der großen Leinwand.

Kritik von Jonas Schilberg

„Obsession“: Wer besitzt hier wen?

Bear (Michael Johnston) ist in seine Arbeitskollegin und Freundin Nikki (Inde Navarrette) verliebt. So simpel und kompliziert zugleich: Denn er traut sich nicht, ihr seine Gefühle zu gestehen. Statt die Ratschläge seiner Freunde umzusetzen, stößt Bear zufällig in einem Laden auf das „One Wish Willow“ – ein angeblich magisches Holzobjekt, das seinem Benutzer genau einen Wunsch erfüllt. „Ich wünsche mir, dass Nikki Freeman mich mehr liebt als alles andere“, sagt Bear also und zerbricht das „Willow“. Nun, gesagt, getan. Was Bear wohl nicht geahnt hat, ist die Eskalationsspirale, die er damit in Gang gesetzt hat…

Im Grunde ist es ein uraltes Motiv: Der Dschinn, der einen Wunsch gewährt, welcher aber wohlbedacht sein sollte. Schon im „Faust“ wird allerdings – ausgerechnet vom Teufel Mephisto – gewarnt: „Am Ende hängen wir doch ab / Von Kreaturen, die wir machten“. Die Kreatur, die Bear erschafft, ist Nikki. Nicht in einem Frankenstein‘schen Sinne, wohl aber, indem er sie zu seiner leidenschaftlichen Geliebten macht und so ihres freien Willens entstellt, ihres Körpers beraubt. „Obsession“ heißt auch „Besessenheit“. Nikki ist von Bear besessen, folglich: sein Besitz, ergo: ein Objekt.

An dieser Stelle könnte man durchaus denken, „Obsession“ würde einen Albtraum namens toxischer Männerfantasie in den Mittelpunkt stellen. Bear ist sicherlich in Teilen das, was man heute unter „fragiler Männlichkeit“ verortet (sein Wunschcocktail Piña Colada bringt ihm gleich den Kommentar: „wie feminin“ ein). Er weiß nicht, wie er seinen Schwarm erobert, erscheint unbeholfen und beschränkt, denkt sich bestimmt etwas wie: „Ach, wenn das nur einfacher ginge“ (zum Beispiel durch eine „One Wish Willow“!). Nikki führt sich in ihrem neuen Zustand anfangs in der Tat auf, wie eine Fantasie: immer den ersten Schritt gehend, die Kommunikation übernehmend, zeigt sich sorgend und kümmernd.

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Umkehrung der Ausbeutung

Nur bleibt „Obsession“ dort noch nicht stehen. Im zitierten „Faust“-Aphorismus steckt nämlich bereits die Pervertierung des Abhängigkeitsverhältnisses drin. Wenn Nikki Bear anbetet, ist Bear nur oberflächlich der Überlegene. „Wer dominiert hier wen?“, stellt sich als Frage spätestens dann, wenn Nikkis fanatisches Verlangen nach Bear so weit geht, dass sie mit Selbstverletzung droht und ihn nicht mehr alleine aus dem Haus gehen lassen will. Dialektisch pervertieren sich dann die Verfügungsgewalten.

Auf radikale Weise handelt „Obsession“ also Missbrauch, toxische Beziehungen und Abhängigkeiten ab. In der Tradition des Horrorfilmes stehend, verweist Barker damit überspitzt auf das alltägliche Leben, in dem Machtgefälle in romantischen Beziehungen keineswegs überall obsolet geworden sind. Ebenfalls in der Tradition des Horrorfilms, gelingt es dem Werk konsequent, sowohl zu schocken als auch bedächtig unter die Haut zu gehen. Die unangenehme Stimmung ergibt im Zusammenspiel mit der Eskalationsspirale, die keine Grenzen kennt und immer wieder überrascht, eine kaum aushaltbare Spannung.

Barker, der sich durch Kurzfilme auf YouTube bereits eine Fangemeinde aufgebaut hat, haben unverkennbar Genrefilme wie „Misery“ oder „The Substance“ inspiriert. Schlussendlich ist er aber imstande, etwas ganz Eigenes zu kreieren. Mit einem geringen Budget ausgestattet, beweist „Obsession“, dass es für einen guten Film in erster Linie eine simple, interessante Idee benötigt. Das bemerkenswerte Schauspiel von Inde Navarrette und dem restlichen Cast sowie der atmosphärische Soundtrack und die dynamische Kamera komplettieren einen von vorne bis hinten in Bann ziehenden, beklemmenden Film, der im richtigen Moment zu enden weiß. Dass „Obsession“ zum modernen Horrorklassiker avancieren wird, erscheint so mehr als denkbar.

Fazit

Liebe und Obsession treten in Hollywood seit jeher als Paar auf, um etwa die „Amour fou“ wahlweise zu dekonstruieren oder zu verherrlichen. Curry Barkers Publikumsmagnet „Obsession“ definiert dieses Verhältnis jedoch grundlegend neu, um einen Film zu erschaffen, der ungesunde Beziehungsdynamiken auf originellste Weise erörtert. Die zuschauende Person wird konfrontiert, verstört… und vielleicht sogar ertappt.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(92/100)

„Obsession – Du sollst mich lieben“ – seit 25.6.2026 im Kino.

Bilder: (c) Focus Features