Aus psychologischer Sicht werden Erinnerungen als „mentale Wiederbelebung früherer Erlebnisse und Erfahrungen“ bezeichnet. Für den einen birgt diese Reanimation schmerzvolle Momente, andere wiederum erfreuen sich an den vor dem geistigen Auge erscheinenden Glanzlichtern vergangener Tage. So oder so: Erinnerungen bilden eine existenzielle Säule unserer Gedanken, helfen uns dabei unseren Alltag zu gestalten und sind für die meisten gut kontrollierbar. Doch was passiert, wenn das Erinnerungsvermögen schwindet, vertraute Personen plötzlich fremd werden und hilfreiche Verknüpfungen im episodischen Gedächtnis schwinden?

von Cliff Brockerhoff

Dieser Frage widmet sich „Relic“, seines Zeichens Langspielfilmdebüt der Regisseurin Natalie Erika James, die nun nach einigen Kurzfilmen den großen Sprung wagt und mit Jake Gyllenhaal einen mehr als namhaften Produzenten für sich gewinnen könnte. Thematisch konfrontiert ihr Werk den Zuschauer mit einem allegorischen Familiendrama, bei dem die verwitwete Edna eines Tages spurlos verschwindet. In heller Aufregung eilen sowohl Tochter, als auch Enkelin herbei und forcieren die Suche nach der zur Vergesslichkeit neigenden (Groß-)Mutter. Zu Anfang wirkt „Relic“ somit fast wie ein geradliniger Thriller, der noch nicht erahnen lässt welch Komplexität in seinem Inneren schlummert – denn Edna taucht wieder auf, und ab diesem Zeitpunkt wird der Film erst so richtig spannend.

Stimmungstechnisch beschleicht einen spätestens hier das Gefühl, dass sich hinter der Fassade mehr verbirgt. Zu unheilvoll sind die eingefangenen Bilder, zu unangenehm die Soundeffekte, die immer wieder für kalte Schauer sorgen, und zu verheißungsvoll die stets nur angedeuteten Schockmomente. War das da eben nur ein Schatten oder eine Gestalt? Wo kommen die Geräusche hinter der Wand her? Und überhaupt, wieso verhalten sich alle so eigenartig? Damit erinnert „Relic“ in seinen besten Momenten an die Virtuosität eines Ari Aster, ohne allerdings eine klar feststellbare Ausrichtung im Horrorgenre zu unternehmen. James‘ Erstlingswerk bleibt lange Zeit schwer zu entschlüsseln, verweilt in ruhigem Fahrwasser und legt seine kalten Finger fast unbemerkt auf die Schultern seiner Zuschauer, die sich insbesondere im letzten Drittel einer plötzlichen Spannung gegenübersehen, die weder Trailer, noch Inhaltsangabe vermuten ließen.

Bis dahin gilt es den Dialogen und Wortfetzen aufmerksam zu lauschen, die teils kryptisch anmutenden Sequenzen achtsam zu verfolgen und langsam die einzelnen Synapsen miteinander zu kombinieren, denn nur dann entfaltet der Gruselfaktor seine volle Stärke, und nur dann zeichnet „Relic“ am Ende ein harmonisches Bild. Es braucht Geduld und Einfühlungsvermögen, insbesondere aufgrund der Tatsache, dass die Protagonisten rein nüchtern betrachtet nicht vor Sympathie strotzen. Emily Mortimer in ihrer Rolle als überforderte Frau, die ihre eigene Mutter am liebsten in einem Heim abladen möchte, erweist sich ebenso wenig als emotionaler Ankerpunkt wie ebenjene Mutter, die stellenweise so fies in die Kamera blickt, wie man es selten zu sehen bekommt. Gäbe es zu besetzende Rollen, bei denen missmutige Damen gehobenen Alters gesucht werden würden, Robyn Nevin könnte sich vor Angeboten wohl kaum retten. Ihre Präsenz ist beängstigend gut, und leider auch sehr lebensnah.

Generell muss „Relic“ eine schonungslose Authentizität attestiert werden. Hier wird nichts geschönt, das Ensemble handelt zu weiten Teilen glaubwürdig und auch wenn der Film es nicht komplett schafft die genretypischen Klischees zu umgehen; insgesamt wirkt das Werk sehr bodenständig. Die eingefangene Stimmung profitiert von der Enge des Schauplatzes, vermittelt eine beinahe klaustrophobische Beklemmung und je weiter die Erzählung fortschreitet, umso kreativere Ideen offenbart der Film. Schade, dass es ganz am Ende dann um die Subtilität geschehen ist. Vielen Betrachtern wird das derweil zugutekommen, da keinerlei Fragen unbeantwortet bleiben – ganz so augenscheinlich hätte die Auflösung aber gar nicht sein müssen. Ein marginaler Kritikpunkt an einem ansonsten sehr mutigen Film, der sogar bei der Zweitsichtung und bekanntem Ausgang für Spannung sorgt.

Fazit

„Relic“ findet Schönheit in der tiefen Traurigkeit, präsentiert seine einfühlsame Erzählung im Mantel einer effektiven Gruselgeschichte und hinterlässt in seinen 85 Minuten einen mehr als bleibenden Eindruck. Ein ungeheuer intensiver Film, der sich einem Krankheitsbild mit all seinen Facetten widmet und so das Drama als den wahren Horror etabliert. Wer sich in diesen Zeilen wiederfindet, dem sei eins versprochen: Dieses Werk werdet ihr so schnell nicht vergessen. – ab sofort auf Bluray, DVD oder als video-on-demand verfügbar!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(82/100)

Bilder: ©2020 Leonine

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